Wolfgang BenzAus der Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Wolfgang Benz, dem Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) an der TU Berlin:

Die aktuelle Islamkritik, wie sie auch von jüdischer Seite (aus nach­vollziehbaren Gründen angesichts der Bedrohung Israels und offensiv gelebter Judenfeindschaft von Mus­limen) vehement vorgetragen wird, hat kein historisches Gedächtnis und kein Problembewusstsein für die Austauschbarkeit der Stigmatisierung von Gruppen. Fixiert auf ihr Feindbild müssen Populisten gegen differenzierende Betrachtungsweisen wüten und ihre eindimensionale Weltsicht verteidigen. Dass demagogische Islamfeindschaft, die Hass gegen eine fremde Kultur predigt und Intoleranz proklamiert, an anderen Traditionen der Feindseligkeit gegen Menschen wie dem Antisemitismus oder dem Antiziganis­mus zu messen ist, steht wissenschaftlich außer Frage.

Wer dies thematisiert, etwa auf Parallelen zur Agitation des organisierten Antisemitismus im späten 19. Jahrhundert verweist, mit der gegen die Emanzipation der Juden in Deutschland gekämpft wurde, muss damit rechnen, mit Krawall überzogen zu werden, weil er angeblich Judenfeindschaft mit Feindschaft gegen Muslime gleichgesetzt habe. Worum es wirklich geht, bleibt dabei außer Acht. Es geht um Toleranz in der demokratischen Gesell­schaft, um das Bemühen, Diskriminierung und Ausgrenzung minoritärer Gruppen zu verstehen und einen Beitrag zu leisten, um diese zu verhindern. Es geht auch darum, aus der Geschichte der Judenfeindschaft zu lernen. Alle Anstrengungen, den Holocaust zu erforschen und zu verstehen, um die Erfahrung der Katastrophe des Judenmords für die Entwicklung einer demokratischen, humanen und toleranten Gesellschaft zu nutzen, wären vergeblich, wenn anstelle der Juden andere Gruppen stigmatisiert würden. Diese Nutzanwendung aber ist der Sinn einer Antisemitismus­forschung, die sich nicht in den Dienst von Interessen nehmen lassen darf, die sich vielmehr über die akademische Erkenntnis hinaus als Dienst für die Gesellschaft versteht.

Mit Dank an Dr. Clemens Heni für den freundlichen Hinweis!