Archive for Januar, 2011

The Wanderer

Sonntag, Januar 23rd, 2011

Vielleicht kennt jemand das Gedicht des schwulen Schriftstellers W. H. Auden The Wanderer von 1930:

There head falls forward, fatigued at evening,
And dreams of home,
Waving from window, spread of welcome,
Kissing of wife under single sheet;
But waking sees
Bird-flocks nameless to him.

Die ganze bittere Ironie entfaltet sich allerdings erst, wenn man die gleich­namige literarische Vorlage aus dem 10. Jahrhundert kennt:

Dann binden oft Schlaf und Sorge, beide zusammen,
den armseligen Einsamen:
in Gedanken scheint es ihm, daß er seinen Herrn
umarme und küsse, und auf [dessen] Knie lege
Hände und Kopf, so wie er lange zuvor
in früheren Tagen den Gabenstuhl nutzte.
Dann erwacht wieder der freundlose Mann,
sieht vor sich die fahlen Wogen,
sieht die Wasservögel baden, sieht sie die Federn ausbreiten,
sieht Frost und Schnee fallen, mit Hagel vermengt.

ðonne sorg ond slæp somod ætgædre
earmne anhogan oft gebindað.
Þinceð him on mode þæt he his mondryhten
clyppe ond cysse, ond on cneo lecge
honda ond heafod, swa he hwilum ær
in geardagum giefstolas breac.
Ðonne onwæcneð eft wineleas guma,
gesihð him biforan fealwe wegas,
baþian brimfuglas, brædan feþra,
hreosan hrim ond snaw, hagle gemenged.

Für Neo

Dienstag, Januar 18th, 2011

… der gerade an einer ziemlich üblen Form des Sprechdurchfalls erkrankt ist (die Ärzte gehen bereits von Morbus Wertmüller aus).

Da es ihn – obwohl wir uns kaum kennen – nach Pflege und Zuwendung von meiner Seite verlangt, sende ich ihm via Äther ein paar musikalische Streichel­einheiten:

Alles wird gut, unbekannter Neo! Wir lieben und drücken dich. <3

Neokonservative Homophobie

Sonntag, Januar 16th, 2011

Zwei Kommentare aus dem transatlantischen Kriegsblog „Fact – Fiction“.

Saudi Arabia: Kingdom in the Closet

Montag, Januar 10th, 2011

Wie lebt es sich als – in unseren Begriffen – „Schwuler“ in Saudiarabien? Die Journalistin Nadya Labi hat das für einen außergewöhnlichen Artikel in der Zeitschrift The Atlantic etwas genauer recherchiert:

The Kingdom in the Closet

SODOMY IS PUNISHABLE BY DEATH IN SAUDI ARABIA, BUT GAY LIFE FLOURISHES THERE. WHY IT IS “EASIER TO BE GAY THAN STRAIGHT” IN A SOCIETY WHERE EVERYONE, HOMOSEXUAL AND OTHERWISE, LIVES IN THE CLOSET

[…] When Yasser hit puberty, he grew attracted to his male cousins. Like many gay and lesbian teenagers everywhere, he felt isolated. “I used to have the feeling that I was the queerest in the country,” he recalled. “But then I went to high school and discovered there are others like me. Then I find out, it’s a whole society.” (mehr …)

»Warum Juden nicht das Geschäft der Rassisten besorgen sollten«

Donnerstag, Januar 6th, 2011

Ohne ihn beim Namen zu nennen, rechnet Alan Posener in einer Kolumne mit seinem ehemaligen Kollegen Henryk M. Broder von der Achse des Guten ab…

Auch in Deutschland haben sich die meisten Juden und ihre Organisationen an jene Faustregel des Überlebens in der Diaspora gehalten: Die Toleranz ist unteilbar. Seit einiger Zeit aber haben einige wenige Juden, bemitleidenswerte Geschöpfe, diese Faust­regel vergessen. Als selbst erklärte Richter über das, was als antisemitisch zu gelten habe und was nicht, stellen sie jenen Ariern einen Kaschrut-Schein aus, die heute einen unverblümten eugenischen und kulturellen Rassismus gegen Muslime predigen: Geert Wilders, Thilo Sarrazin, den Befürwortern von Minarett­verboten und Kleidervorschriften für muslimische Frauen.

Wie kommt das?

Die Antwort gibt Posener hier… »

Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus — Oder: was heißt Lernen aus der Geschichte?

Mittwoch, Januar 5th, 2011

Wolfgang BenzAus der Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Wolfgang Benz, dem Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) an der TU Berlin:

Die aktuelle Islamkritik, wie sie auch von jüdischer Seite (aus nach­vollziehbaren Gründen angesichts der Bedrohung Israels und offensiv gelebter Judenfeindschaft von Mus­limen) vehement vorgetragen wird, hat kein historisches Gedächtnis und kein Problembewusstsein für die Austauschbarkeit der Stigmatisierung von Gruppen. Fixiert auf ihr Feindbild müssen Populisten gegen differenzierende Betrachtungsweisen wüten und ihre eindimensionale Weltsicht verteidigen. Dass demagogische Islamfeindschaft, die Hass gegen eine fremde Kultur predigt und Intoleranz proklamiert, an anderen Traditionen der Feindseligkeit gegen Menschen wie dem Antisemitismus oder dem Antiziganis­mus zu messen ist, steht wissenschaftlich außer Frage. (mehr …)

Phobien der Nation

Montag, Januar 3rd, 2011

Micha Brumlik stellt in der Frankfurter Rundschau die Frage, ob Islamophobie der neue Antisemitismus sei – und belegt an Zitaten Heinrich von Treitschkes eine strukturelle Verwandtschaft mit dem antijüdischen Diskurs des späten 19. Jahrhunderts.

Im Interview mit dem Freitag äußert Jasbir Puar für das deutsche Feuilleton ungewöhnlich scharfsinnige Gedanken über die Schnittstellen von Rassismus, Migration, Homophobie, Klassenfrage und neoliberaler Ökonomie.

David Schwarz wirft im Hinterland-Magazin des Bayerischen Flüchtlingsrats einen Blick auf Homophobie als identitätsstiftendes Element im postkolonialen Subsahara-Afrika.

Ein Aspekt, der bei Schwarz völlig fehlt, ist der zentrale Aufhänger eines Artikels in der Washington Post: Der wachsende Einfluss evangelikaler US-Prediger generiere in Afrika eine Springflut der Homophobie.

Die RIM im Wandel der Zeiten

Sonntag, Januar 2nd, 2011

Programm der maoistischen RCP-USA vom 1. Mai 1981:

As for homosexuality, this too, is perpetuated and fostered by the decay of capitalism, especially as it sinks into deeper crisis. This is particularly the case because of the distorted, oppressive man-woman relations capitalism promotes. Once the proletariat is in power, no one will be discriminated against in jobs, housing and the like merely on the basis of being a homosexual. But at the same time education will be conducted through out society on the ideology behind homosexuality and its material roots in exploiting society, and struggle will be waged to eliminate it and reform homosexuals.

Programmentwurf der RCP-USA vom 1. Mai 2001:

The revolutionary proletariat is staunchly opposed to the attacks on homosexuality by reactionary forces such as religious fundamentalists, and to all physical assaults on, discrimination against, and government repression of homosexuals, which is so widespread and vicious in the U.S. today. In the new society, discrimination against homosexuals will be outlawed and struggled against in every sphere of society, including personal and family relations.

Karl Marx, „Thesen über Feuerbach“, 1845 (redigierte Fassung von 1888):

Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern, von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.