Am 2. bis 4. Dezember fand an der Humboldt-Universität in Berlin die Konferenz Fundamentalism and Gender statt. Ich gehöre leider nicht zum erlauchten Kreis derjenigen, die von solchen Veranstaltungen schon vorab erfahren. Und meistens auch hinterher nur, wenn es einen handfesten Skandal gegeben hat. So wie auch diesmal anlässlich der Einladung von Jasbir Puar, deren Buch Terrorist Assemblages ich hier zuhause – leider noch ungelesen – herumliegen habe.

Puars umstrittener Vortrag mit dem Titel „Beware Israeli Pinkwashing“ richtete sich gegen den Versuch der Instrumentalisierung palästinenscher „Lesben und Schwuler“ mit dem Ziel, Unterstützung für die Kriegs- und Besatzungspolitik des Staates Israel einzuwerben. Hierbei handelt es sich um eine altbekannte Kritik, seit Blair Kuntz im August 2006 seinen Aufsehen erregenden Essay „Queer as a Tool of Colonial Oppression: The Case of Israel/Palestine“ auf ZNet veröffentlichte. Als besonders degoutant erscheint diese Instrumentali­sierung vor allem deshalb, weil Israel palästinensischen „Queers“ noch in keinem einzigen bekannten Fall Asyl gewährt hat, während es das Thema propagandistisch ausschlachtet, um sich selbst als Leuchtfeuer der Menschrechte zu feiern – und so darüber hinwegzutäuschen, dass es diese Rechte in den palästinensischen Gebieten als Besatzungsmacht regelmäßig mit Füßen tritt.

Der Fall könnte also im Grunde als abgeschlossen gelten – wäre da nicht die Tatsache, dass Puar in ihrer berechtigten Kritik am propagandistischen Missbrauch der Lebenssituation von palästinensischen Männern und Frauen, die Sex mit Männern und Frauen haben, dieselbe bewusst der Thematisierung entzieht und entsprechende Nachfragen mit ostentativer Gleichgültigkeit straft. Es ist ein furchtbarer Rückfall in manichäisches Denken – der Blair Kuntz seinerzeit noch nicht unterlaufen war -, dass man glaubt, sich loyal bis zur intellektuellen Bewusstlosigkeit für eine Seite entscheiden zu müssen – gerade so, als wäre es undenkbar, sich gegen die Besatzung zu engagieren und dennoch Kritik an der Repression im inneren Machtbereich von Hamas und Fatah zu üben. Wie sehr Puar mit dieser Unaufrichtigkeit ihre eigene Sache der moralischen Integrität beraubt, ist ihr offensichtlich überhaupt nicht bewusst.

Allerdings hätte ihr wohl auch eine ausgewogenere Argumentation nicht viel genutzt, um sich die zu erwartenden Prügel von der rührigen Szene der Besatzungsapologeten vom Leib zu halten. Den unrühmlichen Anfang machte dabei Alan Posener – ein mutiger Liberaler, dem man seine publizistische Bloßstellung des Papstes, seine honorige Verteidigung von Wolfgang Benz und die Kritik am Rassismus seiner ehemaligen Genossen von der „Achse des Guten“ nicht hoch genug anrechnen kann. Und doch ist ausgerechnet er es, der bei diesem Thema sofort in die unterste Schublade greift. So heißt es in einem demagogischen WELT-Artikel, datierend vom 1. Dezember 2010:

Auch innerhalb der sich als links verstehenden Bewegung hat sich mittlerweile eine [antihomosexuelle] Wende vollzogen. Mit Begriffen wie „Homonationalismus“ und „Pinkwashing“ unterstellen deren radikalste Vertreter, dass sich Schwule, Lesben und Feministinnen mit ihrer Kritik an der Unterdrückung von Frauen und sexuellen Minderheiten in islamischen Gesellschaften zum Werkzeug des westlichen Imperialismus machen lassen – ihn „rosarot waschen“. Der „Hauptwiderspruch“ ist wieder da.

So einfach ist es, wenn man die Debattanten kontrafaktisch aufteilt in die bösen Hetero-Linken auf der einen und die armen, ihren „Mitschwestern“ in Palästina uneigennützig zu Hilfe eilenden Homosexuellen auf der anderen Seite. Nicht nur werden Leute wie Jasbir Puar und Judith Butler aufgrund ihrer kritischen Positionierung von einem heterosexuellen Autor so mal eben aus der „homosexuellen Gemeinschaft“ herausdefiniert. Posener entgeht auch, wer den Begriff des Pinkwashings überhaupt erst in die öffentliche Debatte getragen hat.

Blicken wir dazu ein knappes halbes Jahr zurück: Es war im Juni 2010, als sich die Propagandatruppe Stand with Us im Dienste der israelischen Kriegs- und Besatzungspolitik mit einen Workshopangebot zum US Social Forum (USSF) in Detroit registrierte, das den unschuldig anmutenden Titel trug: „LGBTQI Liberation in the Middle East“. Es folgte eine entrüstete Stellungnahme von Helem, Al-Qaws, ASWAT und Palestinian Queers for BDS – drei palästinensischen und einer libanesischen LGBTQ-Organisation, die gemeinsam gegen die Durchführung dieses Workshops protestierten:

We, the undersigned queer Arab organizations, are appalled by the US Social Forum’s decision to allow Stand with Us to utilize the event as a platform to pinkwash Israel’s crimes in the region. Stand with Us is cynically manipulating the struggle of queer people in the Middle East through its workshop entitled “LGBTQI Liberation in the Middle East.”

Stand with Us is a self-declared Zionist propaganda organization which describes itself as “an international education organization that ensures that Israel’s side of the story is told in communities, campuses, libraries, the media and churches through brochures, speakers, conferences, missions to Israel, and thousands of pages of Internet resources.”

Stand with Us has no connection with the LGBT movement in the Middle East apart from ties to Zionist Israeli LGBT organizations, yet it claims to speak for and about our movements. It has no credibility in our region, and as organizations working in and from the Middle East, we condemn its attempt to use us, our struggles, our lives, and our experiences as a platform for pro-Israeli propaganda. […]

Our struggle is deeply intertwined with the struggle of all oppressed people, and we cannot accept that we are being used as a tool to discredit the Palestinian cause. Stand with Us would have everyone believe that the Palestinian cause is an unworthy one because of the homophobia that exists within Palestinian society, as if homophobia does not exist elsewhere, and as if struggles for justice are predicated on some sort of inherent “goodness” of the oppressed, rather than on the principles of freedom, justice, and equality for everyone, everywhere. Stand with Us would have us all compartmentalize our beliefs, lives, and identities so that solidarity with the queer struggle would preclude solidarity with others.

While Stand With Us is quick to point out the oppression of queer Palestinians under the Palestinian Authority and Hamas, it conveniently forgets that those same queers are not immune to the bombs, blockades, apartheid and destruction wrought upon them daily by the Israeli government, and that Israel’s multi-tiered oppression hardly makes a distinction between straight and gay Palestinians.

We refuse to be instrumentalized by anyone, be it our own oppressive governments or the Zionist lobby hijacking our struggle to legitimize the state of Israel and its policies, thus providing even more fodder for our own governments to use against us. If you want to learn about our movements and struggles, engage with us, rather than with those who will use us as pawns in Israel’s campaign to pinkwash its crimes.

Aber offenbar gehören queere Palästinenser_innen ebenfalls nicht zu der von Alan Posener ins Feld geführten „homosexuellen Gemeinschaft“, sobald sie sich erdreisten, öffentlich Einspruch zu erheben, wenn „sie, ihre Kämpfe, ihr Leben und ihre Erfahrungen“ dazu benutzt werden, den weißen Phosphor auf Gaza rosa einzufärben. Sie waren es jedenfalls, die den Begriff des „Pinkwashing“ popularisiert haben, und nicht die vielgeschmähten „heterosexuellen Metropolen-Linken“, die in Deutschland – wenigstens innerhalb der autonomen Szene – überwiegend Stellung auf der andern Seite beziehen (oder vornehm dazu schweigen).

Der Protest der vier Gruppen war übrigens von Erfolg gekrönt. Das USSF zog die Registrierung des Workshops von Stand with Us kleinlaut zurück – „for violating the submission procedure and transparency requirements for all workshops, and for being in violation of the anti-racist principles central to the US Social Forum“.

Hat tip to Brian Whitaker