Den folgende Auszug aus meiner schulischen Abschlussarbeit von 1993 stelle ich trotz seines – für mich etwas peinlichen – Pennäler-Niveaus hier ein, weil er in seiner Quellenauswahl einen Aspekt hervorhebt, den ich – das mag an meiner ungenügenden Kenntnis der Sekundärliteratur liegen – so kaum irgendwo behandelt finde: die „sexuelle Motivik des Antisemitismus“.

Das Bild, das die Nazis von den Juden aufrichten, ist alles andere als vielschichtig und facettenreich. Vielmehr reduziert es sich auf einige wenige Motive, zu deren wichtigsten die angebliche „Lüsternheit“ der Juden gehört. Durch ständige Bezugnahme auf dieses Motiv gaben die Antisemiten selbst zu erkennen, daß man ihren Judenhaß zuallerst unter dem Aspekt des Sexualneides zu betrachten habe. Monoton wiederholt sich in allen modernen antisemitischen Traktaten das Thema des geilen Juden, der sich planmäßig an arischen Frauen und Mädchen vergehe, wie etwa auch in Hitlers „Alpdruckversion der Verführung von Hunderten und Tausenden von Mädchen durch widerwärtige, krummbeinige Judenbastarde“.1 Und an anderer Stelle schreibt Hitler in Mein Kampf:

„Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit seinem, des Mädchens, Volke raubt.“2

In Julius Streichers Stürmer hört sich dieses Motiv dann so an:

„Wir wissen nun, warum der Jude mit allen Mitteln der Verführungskunst darauf ausgeht, deutsche Mädchen möglichst frühzeitig zu schänden, warum der jüdische Arzt seine Patientinnen in der Narkose vergewaltigt, warum sogar die Judenfrauen ihren Männern den Verkehr mit Nichtjüdinnen gestatten: Das deutsche Mädchen, die deutsche Frau soll artfremden Samen eines Juden in sich aufnehmen, sie soll niemals mehr deutsche Kinder gebären.“3

Eine ähnliche Version liefert der hetzerische Prachtband Antisemitismus der Welt in Wort und Bild:

„Diese vom Judentume planmäßig betriebene Zerstörung des rassischen Erbgutes der Deutschen richtet sich besonders gegen das blonde Element, das rassische Rückgrat der Deutschen. (…) Wer mit offenen Augen durch die deutschen Lande zieht oder blonde Mädchen fragt, wird erfahren, daß gerade sie am meisten von Juden verfolgt und als geschlechtliche Freibeute behandelt werden.“4

Es liegt auf der Hand, daß es sich bei solchen Verführungs­geschichten um Phantasiegebilde handelt, in denen der Antisemit seine eigenen sexuellen Wünsche durch Identifikation mit dem Juden auslebt. Der sexualfeindlichen Moral aber beweist der Antisemit seine Reinheit und Unschuld, indem er die „lüsternen“ Juden verachtet. Mehr noch: Der Antisemit haßt die Juden, weil sie sich – wenn auch nur in seiner Phantasie – das erlauben, was er sich verwehren muß.
Bezeichnend ist jedoch jedesmal die Wendung zu einem völkischen Biologismus: Die moralische Empörung geht unter in den nüchternen Bestrebungen, die arische Rasse zu erhalten. Das ursprünglich so begehrte weibliche Objekt wird zum biologischen Material, zum „rassischen Rückgrat der Deutschen“, das nicht mehr der Lust, sondern der rassischen Höherzüchtung dient. Der „Antisemitismus des Gefühls“ weicht dem „Antisemitismus der Vernunft“.
Doch sexuelle Projektion und moralische Empörung zeigen sich wieder in den nachstehenden Charakterisierungen der Juden, die das schon erwähnte antisemitische Hetzbuch Antisemitismus der Welt in Wort und Bild nahezu lückenlos durchziehen.
Die projektive Wahrnehmung der Juden erstreckt sich hier gar auf die Ebene der Physiologie. So gehöre zu den jüdischen Rassemerkmalen:

„der sinnliche triebhafte Zug um die Mundwinkel, der oft geradezu etwas Tierhaftes zu verraten scheint.“5

Und gleich weiter heißt es:

„Die Seele des Juden kennt kaum das Gefühl der Schamhaftigkeit. Die Geilheit ist ein Hauptwesenszuge des jüdischen Charakters; die Geschichte des jüdischen Volkes ist eine fortlaufende Reihe sich steigernder geschlechtlicher Verwilderung.“6

„Schon der blutliche Kern des Judenvolkes ist durch widerliche Unzucht verseucht bis ins innerste Lebensmark. Die Bibel des Alten Testaments berichtet von wollüstigen Verbrechen, die jedem Arier die Schamröte ins Gesicht treiben.“7

Doch der „Geilheit“ der Juden wird die innige „Heiligkeit germanischer Sittenreinheit und Keuschheit“8 entgegengesetzt. In der Aufspaltung der Menschheit in zwei Rassen – die eine rein und keusch, die andere wollüstig und sinnlich – drückt der Antisemit die zwei Pole seines Charakters aus. Der Rassenkampf, der die Geschichte angeblich präge, ist der in die Wirklichkeit projizierte Kampf des Antisemiten mit seiner verdrängten, aber ungebrochen starken Triebwelt, die er im Juden verkörpert sieht: „Grausamkeit und unzüchtige, hemmungslose Geilheit“9 schreibt er ihnen schließlich zu.
Die Zurückdrängung des Juden versteht der Antisemit als Zurückdrängung seiner sinnlichen Gelüste: „Solange deutsche Sitte herrscht, ist der Jude machtlos. In der Erotik ist er Herr und Meister.“10

  1. Adolf Hitler in Mein Kampf, zit. nach: Christian Zentner, Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches, Südwest Verlag, München 1983, S. 110. []
  2. zit. nach: Werner Maser, Adolf Hitler: Mein Kampf, Bechtle Verlag, Esslingen 19762, S. 290. []
  3. zit nach: Christian Zentner, Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches, S. 110. []
  4. Robert Körber; Theodor Pugel (Hg.), Antisemitismus der Welt in Wort und Bild, Volksausgabe, Dresden 1935, S. 228. []
  5. a. a. O., S. 5. []
  6. a. a. O. []
  7. a. a. O., S. 7. []
  8. a. a. O. []
  9. a. a. O., S. 13. []
  10. a. a. O., S. 186. []