Gentrifizierung wird ja, aufgrund der überwiegend migrantischen Zusammensetzung der städtischen Unterschicht, heute vielfach als eine Art Rekolonisierung erlebt. Gleichzeitig ist es häufig die hedonistische oder popkulturelle Linke, die sich als Abenteurer, Vorreiter und manchmal sogar bezahlter Akteur dieser Aufwertungsprozesse zur Verfügung stellt. Das scheint zunächst ein Widerspruch zu ihrem emanzipatorischen Ansinnen, doch lässt sich dieser mit der entsprechenden Gesinnung relativ leicht übertünchen.
Wie, das zeigt unser Informant Roger B., der – finanziert durch die “Internationale Bauausstellung” (IBA) – gesellschaftskritische Kunst-Projekte und Vernissagen über “Post-Urbanismus” im Stadtteil Hamburg-Wilhelmsburg organisiert. Die IBA ist eine 100%-ige Tochtergesellschaft der freien Hansestadt und widmet sich im Auftrag des Senats der Aufwertung ärmerer Stadteile, um sie architektonisch und sozial für das Bürgertum wieder attraktiv zu machen. Linke Kritik wird hier durch ihren bürgerlichen Ästhetizismus ganz unverhohlen zum Bestandteil einer Aufwertungs- und Verdrängungsstrategie, was allen Beteiligten, einschließlich der Auftragnehmer, völlig durchsichtig ist. Aber, wie Roger B. sagt: “Es gibt kein richtiges Leben im falschen.”
Und offenbar gibt es auch keine Rekolonisierung von Wilhelmsburg ohne die rassistische Beschimpfung seiner Anwohner_innen. Sogar dafür gibt sich der von der IBA unterhaltene Stadtsoziologe Roger B. her, was ihm aufgrund seiner “anti”deutschen Gesinnung allerdings auch nicht besonders schwer fällt. “Regressiv”, “patriarchal” und “tierhaft” sei die migrantische Bevölkerung von Wilhelmsburg, mithin dringend zivilisationsbedürftig. Insofern stellt sich der – bisweilen selbstkritisch eingeräumte – eigene Beitrag zu ihrer Verdrängung denn auch gar nicht mehr so schlimm dar. Doch hören wir den Salon-Linken Roger B. einfach selbst; gewissermaßen live aus dem “Grand Hotel Abgrund” …
Roger B. über Wilhelmsburg und “tierhafte” Migranten
Hat tip to parallaxe.






















Der Punkt an dem ich nach dem kompletten Durchhören auch irritiert war, ist der wo er sagt, dass sie ihre Projekte nicht nach dem Viertel und den dort lebenden Menschen ausreichten wollen.
Das klingt erstmal nicht sehr reflektiert – aber mir stellt sich die Frage, ob das nicht vielleicht einfach nur böse geschnitten ist. In diesem Sinne: gibt’s ne Vollständige Version von dem Interview?
@ Juli
Meine Güte, ist doch unten verlinkt, der Scheiss. “Nicht sehr reflektiert” ist eine glatte Verharmlosung des Inhalts, aber insofern passt es gut zum idiotischen Diskurs den so manche gerne pflegen wollen mit solchen Adorno-ABC-Schützen.
Nicht so aggressiv, bitte. Wir sind ja schließlich keine Tier… äh Migranten.
Zur vollständigen Audio-Datei geht’s hier.
“überwiegend migrantischen Zusammensetzung der städtischen Unterschicht”
Hm, das nenne ich mal ein aalglattes Vorurteil.
Also ich sehe verdammt viel armes deutsches Volk kreuchen und fleuchen. In allen Städten. Wenn du sagen würdest, dass der relative Anteil an der sog. Unterschicht größer ist, dann wäre ich ja noch einverstanden. Aber absolut?
und das als selbsternannter adornit…
10% der ursprungsbevölkerung der gentrifizierungsvorzeigestadtteile pberg/mitte wohnen noch da. sind also die zonis auch rauskolonisiert worden oder gilt das nicht wenn weißer mann den weißen mann verdrängt und wieso eigentlich REkolonisierung und wieso zur hölle im kontext stadt? und wie sieht das eigentlich mit der ursprungsbevölkerung der arbeiterblöcke der bundesrepublikanischen nachkriegszeit aus, die von arbeitsmigranten verdrängt wurden? stadt ist doch nichts statisches, das findet immer veränderungen und verdrängung statt. wenn man daraus jetzt die krude rechnung aufmacht, dass eine (völlig marginalisierte) “hedonistische” und popkulutrlinke der motor der verdrängung der migrantischen unterschicht ist, dann sagt das weniger über die verhältnisse in deutschen städten, als über funktionierende beissreflexe aus.
zum prozeß gentrification gehören verschiedene akteure, die eines gemeinsam haben; sie schimpfen über die folgenden. außer vielleicht die ursprungsbevölkerung, die reflektiert das nicht großartig und zieht einfach weg. was das mit kolonisierung zu tun hat, würde ich gerne erklärt bekommen.
und sich über die verstrickungen von deutschen akademikern und kulturproduzenten aufzuregen (natürlich nur so lange sie antideutsch anmuten), ist so unfassbar öde. ganz abgesehen davon, dass auch pomo-künstler ihr heterotopiengesabbel in den dienst der saga stellen:
http://www.workworkwork.de/neueheimat.htm
Wenn ich den Begriff “Rekolonisierung” verwende, dann geht es mir darum, dass solche Verdrängungsprozesse, sofern es sich um eine überwiegend migrantische Bevölkerung handelt, mit einer rassistischen Ideologie einhergeht, die fast schon an die Abenteurer der Kolonialzeit erinnert: das sind dann unzivilisierte, tierhafte Menschen, denen gegenüber Roger B. die “Bürde des weißen Mannes” tragen muss.
Dass du dich da jetzt schon wieder bei deiner antideutschen Gruppenehre gepackt siehst: es ist mir sowas von wurscht!
“fast schon erinnert” ist sehr köstlich. die verdrängung findet statt, weil durch den (durch die iba (sprung über die elbe) initiierten) gentrifizierungskram da eine erhöhte nachfrage entsteht respektive entstehen soll. wie du richtig schriebst, soll wilhelmsburg fürs bürgertum attraktiv werden; man versucht gentrifizierung durch stadtplanung und -politik am reissbrett zu entwerfen. da gibt es eine menge dran zu kritisieren, vor allem auch rassistische argumentationsmuster, die sich eine parallelgesellschaft im süden der stadt herbeihalluzinieren und mit hohen kriminalitätsraten und hohem ausländeranteil für eine “gesunde durchmischung” werben, aber mit kolonialismus/kolonisierung hat das einfach nichts zu tun. das ist falsch, dumm und relativistische kackscheisse und wird der sache nicht gerecht. aber wenn google alert neues zum lieblingsfeindbild ausspuckt, wird eben passend gemacht, was nicht passt.
mit deinen zuschreibungen liegst du wie immer grandios daneben. aber mehr als ad hominem bleibt bei deiner selektiven genauigkeit und differenziertheit ja sowieso nicht.
Alter, das mag ja bei der IBA so sein, aber nicht bei Roger B., der ein klares Bild vom “regressiven”, “patriarchalen” und “tierhaften” Araber respektive Türken hat. Man braucht sich nur mal die Sex-Ausgabe der von Roger B. mitverantworteten Testcard zu kaufen, um diese neokolonialen Stereotypen über “den Orient” in actu zu sehen.
Und bitte unterlass deine permanenten Unterstellungen, was meine psychologischen Motive angeht. Herr B. gehört nicht zu meinem Fahndungsprofil, sonst hätte ich den Florida-Beitrag von parallaxe nicht vertwittert. Aber wenn ich dann dieses Interview anhöre, nur um zu sehen, was ich da eigentlich beworben habe, und ganz überraschend auf so einen üblen Rassismus stoße, dann werd ich mein Maul ganz sicher nicht halten, nur weil du meinst, dass der Rassismus deiner qua Gruppenehre verteidigten “Anti”deutschen für mich sakrosankt zu sein hätte.
Und selbst wenn das hier zu einem AD-Watchblog mutierte: es ginge dich nichts an! Du hast nicht über die Inhalte meines Blogs zu entscheiden. Und dabei spekuliere ich nicht über die Motive, warum du das überhaupt versuchst.
ohje
Du gehst mir so auf den Keks, das kann ich gar nicht sagen!
bleibt anzumerken, dass 1993-2004 die wahlberechtigten BewohnerInnen Wilhelmsburgs im weit überdurchschnittlichem Massen DVU, REP oder Schillpartei gewählt haben
Kein Wunder, “Ausländer” dürfen ja nicht wählen. Und wenn sie eingebürgert sind, wählen sie zu 90% SPD, Grüne und Linkspartei.
Schons: Die Verdrängung der Ostberliner Proleten (selbstverständlich war das eine Rekolonialisierung) war und ist Gegenstand linker Debatten und auch linker Widerstandsversuche gewesen, hauptsächlich, nein: zu 95% wurde das von ehemaligen Ostlinken geleistet (z.B. von Andrej Holm).
Darum geht es hier aber gar nicht, sondern konkret um Roger Boring.
Migranten haben auch nicht die bereits hier lebenden Arbeiter und unfreiwilligen Arbeitslosen verdrängt. Die haben zuerst in Wohnheimen gewohnt, dann (zusammen mit dem White Trash) in Vierteln, die in den 60ern und 70ern neu aus dem Boden gestampft wurden (es ist ja nicht so, dass in Deutschland nicht mehr gebaut würde…). Schließlich sind sie überall dahin gezogen, wo die, die es sich leisten konnten, weggezogen sind. “Verdrängen” setzt ja eine gewisse Geldmacht voraus. Wenn die Migranten über dieses Geld verfügt hätten, wieso sind sie dann nach Wilhelmsburg und nicht nach Blankenese gezogen? Schon klar, Deine Anmerkung, dass die Migranten schließlich auch irgendwen “verdrängt” hätten, war launisch-ironisch gemeint. Aber auch Ironie sollte sich korrekt auflösen: Bei Dir läuft sie nämlich darauf hinaus, dass Stadt “nichts statisches” sei. Das ist Unsinn, in erster Linie ist die Stadt ein Produkt der Klassengesellschaft und der Kämpfe in ihr, einfach so dynamisch wie, sagen wir, ein biologischer Stoffwechselprozess ist sie ganz gewiss nicht.
“Völlig marginalisiert” ist die Linke, die vor 15 Jahren mal Poplinke hieß, nun auch nicht. Roger B. ist doch gerade der schlagende Beweis.
Und ja, es ist wichtig auf die Verstrickungen der (dieser) Intelligenz hinzuweisen – immer wieder. Ich habe vor vier Jahren auf einer Veranstaltung in Leipzig erlebt, was für einen exzellenten, geradezu kultischen Ruf B. bei ganz normalen Linken und Antifas genoss (immer noch genießt?). Es sind ja nicht irgendwelche Freaks, die heute z.B. von “tierhaftem Verhalten” reden, sondern die ganz steilen Diskurshengste, die Monat für Monat irgendwelche revolutionären Verhaltensregeln und Kommunismus-Definitionen rauskloppten.
@ beastly
ja sorry das ich nicht gleich alle erschieße, nur weil sie mal dinge sagen, die ich nicht gleich nachvollziehen kann.
@rhizom
ich muss aber schon zugeben, das der gute roger b., den ich ja politisch wie privat bislang sehr geschätzt habe, da scheinbar ziemlich tief in die scheiße gegriffen hat und das auch mir nicht wirklich einfällt, wie ich ihn da wieder rausreiten sollte. allerdings will ich das auch gar nicht. allerdings hätte ich ihn nicht so umstandslos unter “antideutsch” abgehandelt, denn in der richtung ist er mir bislang noch nicht wirklich aufgefallen….
immerhin hat er bei i can’t relax in germany mitgemacht, und ist theoretisch mit seinem adorno-kram auch auf linie. halt eher so softcore als bahamas oder isf
… also, bisher jedenfalls. aber das auch bei dem rassistische äußerungen vorkommen, zeigt ja vielleicht wirklich, dass das bei dieser denkrichtung vielleicht schon irgendwo angelegt ist. wobei ich echt nicht glaube, dass leute wie waiting mal so enden
Adorno ist nun aber wirklich kein Alleinstellungskriterium für Rassismus. Nun gut, der Glatzkopf ist zwar theoretisch vollkommen überbewertet und zu Beginn von Dialektik der Aufklärung wird er antisemitisch, aber selbst war er ja auch kein Rassist.
Allerdings sicherlich besitzt seine Theorie eine offene Flanke zum Rassismus, weil er trotz aller Argumentationen im Positivismusstreit mit Popper keinerlei Hermeneutik besitzt und nie Kriterien zur Annäherung an die Empirie gegeben hat. So wird dann wahlweise seine Totalität der Wirklichkeit aufplakatiert oder ein selektiver empirischer Zugang dem Theoretisieren voran gestellt.
adorno verweist ja nicht auf rassismus, sondern auf antideutsche linke, die ja nun mal nicht identisch (ha!) mit rassismus ist
Ich werde den Beitrag demnächst offline stellen, weil ich kein Interesse an einer personalisierenden Auseinandersetzung habe.
ach quark
Wieso denn? ist doch ein Musterbeispiel für kulturalistischen Rassismus. Kultur haben nur die anderen und die erklärt bei denen alles, vor allem das Schlechte. “Deutsche/westliche Kultur” dient nur implizit als Positivfolie für die Schlechtheit der anderen. Das ist der viel größere Skandal an dieser Äußerung als das “Tierhaft”.
Und dann natürlich die Formulierung mit “weit über 70 Nationen” im Betroffenheitston. Das scheint mir eine Anbiederung an die bürgerlichen Medien zu sein. Deren KonsumentInnen wissen ja genau: Leute aus verschiedenen Nationen? Das kann ja nur schief gehen!
Von Klasse oder Ungleichheit muss man dann ja nicht mehr sprechen, wenn man sich die Welt mit Nation und Kultur erklären kann.
die diskussion, die dadurch losgetreten werden kann, ist ne ziemlich wichtige!
Also um Genese und Kausalität mal einfach zusammen zu fassen:
Sowat kommt von Sowat…
Die anti-deutsche Entwicklung von Roger Behrends hat sich in den letzten jahren ja immer deutlicher abgezeichnet und da ist diese “Stilblüte” auch nur eine logische Konsequenz…
Gestandene Linke hätten bereits bei der Anfrage der IBA das Kuvert zerrissen, aber Pop-Linke antideutsche können eben Karriere als Büttel der städtischen Aufwertungs-Kampagnen und “Linke” Positionen problemlos vereinen.
Schade, aber durchaus nicht überraschend. Danke Rhizom für den Blogeintrag!
Oho! Sowas kannte ich bislang vom Roger noch garnicht. Im Gegenteil hielt ich den bislang immer für einen der brauchbareren Adorno-Fans.