In The Myth of Matriarchal Prehistory – Why An Invented Past Won’t Give Women A Future (2000) fasst die Feministin Cynthia Eller die politische und wissenschaftliche Kritik an der sog. Matriarchats-These bündig zusammen. Für eine „patriarchale Revolution“ in der Vor- und Frühgeschichte indo­europäischer und semitischer Gesellschaften gebe es nicht nur keine Beweise; es lasse sich sogar zeigen, dass die Gesellschaften davor nicht einen Deut weniger androzentrisch, männerdominiert und „patriarchal“ waren als ihre Nachfolger.

So blamiert sich die – jüngst von Thomas Maul wieder aufgewärmte – antisemitische Legende, wonach der von Mohammed adaptierte jüdisch-monotheistische Glaube auf der arabischen Halbinsel „das Patriarchat“ eingeführt habe, schon an der Tatsache, dass eine der wesentlichen Neuerungen des Koran auf dem Feld der Geschlechterverhältnisse im Verbot der bis dahin gebräuchlichen Tötung weiblicher Kleinkinder bestand: Töchter galten in dem von Maul herbeiphantasierten vorislamischen „Matriarchat“ als schlechthin unerwünscht, „weniger wert“ als ihre Brüder.

Insgesamt ist der Patriarchatsbegriff am Ende der 80er Jahre nicht ohne Grund aus dem Mainstream der Gender-Forschung verschwunden. Die Encyclopedia Britannica (2008) spricht vom Patriarchat mittlerweile gar nur noch als einem „hypothetischen Sozialsystem“, weil es unzählige historische Geschlechter-Arrangements auf einen gemeinsamen Strukturbegriff herunterzubringen versuche, der sich am Ende als pure Fiktion erweist. Stattdessen versucht man heute, den Schwerpunkt auf die Untersuchung lokaler Gender-Regime zu legen, um die Heterogenität und Veränderbar­keit der sozialen Konstruktionen von Geschlecht und ihrer strukturellen Asymmetrien hervorzuheben – eine Perspektive, die die Handlungsfähigkeit von Frauen stärkt und sie nicht durchstreicht.

Dies gilt nicht nur im Hinblick auf mögliche Widerstände, sondern auch bezogen auf die Rolle weiblicher Akteure bei der Herstellung und Restaurierung androzentrischer Machtverhältnisse. So habe sich, erklärt der Religionssoziologie Martin Riesebrodt, „eine Reihe von Studien in jüngster Zeit ausführlich mit den Beweggründen von Frauen befaßt, durch ihr Engagement in fundamentalistischen Gruppen patriarchalische Strukturen zu bewahren, zu unterstützen oder wiederherzustellen“.1 Die Motive dafür sind zahlreich. Beispielsweise ist es möglich, dass sich Frauen aus der Unterschicht vom bürgerlichen Hausfrau/Ernährer-Modell spezifische Vorteile im Vergleich zu einem prekären Status als alleinerziehende Mutter versprechen.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Aktivistismus von Frauen in den Bewegungen des „charismatischen Fundamentalismus“, die sozial entbundene „Machos“ à la Thomas Maul, gleich ob in Afrika, Lateinamerika oder den Ghettos nordamerikanischer Großstädte, wieder auf ihre Rolle als Väter, Versorger und Vorstände verpflichten.2 Ohne den tätigen Konsens von Frauen wäre die historische Persistenz dessen, was seit Bachofen uniform als „Patriarchat“ bezeichnet wird, auch kaum anders als mit Verweis auf antifeministische Stereotypen zu erklären – wie etwa die von Kate Millet in ihrem Buch Sexus und Herrschaft (1970) ins Feld geführte „geringere Körperkraft“ von Frauen, die diese gleichsam zu natürlichen Opfern stemple.

Durch seine eigentümliche Perspektive, Frauen immer nur als Objekte und niemals als Akteure der Geschlechterverhältnisse wahrzunehmen, stärkt der Patriarchatsbegriff in letzter Instanz genau das, was er zu überwinden vorgibt. So strickt sich der Soziobiologe Steven Goldberg in Why Men Rule: A Theory of Male Dominance (1993) aus der unvermeidlichen Widerlegung des Mythos vom prähistorischen Matriarchat eine Argumentation, die männliche Vorherrschaft als transhistorische Konstante menschlicher Primaten­gruppen darstellt. Dabei kommen ihm die zustimmenden Äußerungen von Ethnolog_innen wie Margaret Mead (1973) gerade recht: „All the claims so glibly made about societies ruled by women are nonsense. We have no reason to believe that they ever existed. […] Men everywhere have been in charge of running the show.“3

Versucht man die einem raschen Wandel unterliegenden Gender-Techniken divergierender Gesellschaften auf einen einzelnen, statischen Begriff zu bringen, ist das wohl das niederschmetternde Ergebnis: Am Ende ist alles Patriarchat, und das Patriarchat ist alles und nichts. Ermutigend ist ein solcher epistemischer Ansatz wohl kaum.

  1. Martin Riesebrodt, Die Rückkehr der Religionen: Fundamentalismus und der „Kampf der Kulturen“ (München, Beck, 2000), 131. []
  2. Vgl. ebd., 128 f. []
  3. Dieses Zitat zirkuliert im Internet in zwei verschiedenen Varianten, die offenbar beide von Steven Goldberg in Umlauf gesetzt wurden – was Bände über die Qualität seiner Arbeit spricht. Die Muße, den tatsächlichen Wortlaut zu eruieren, hatte ich bisher allerdings noch nicht. []