Einen Hoax, d.h. Schwindel, aufzudecken, bedarf es manchmal nicht mehr als einer gründlichen Überprüfung der Fußnoten. Der Blogger Abdel Kader hat das kürzlich anhand eines 2002 in der Zeitschrift „Bahamas“ erstveröffentlichten und 2007 im Ça-ira-Verlag nachgedruckten Artikels von Natascha Wilting demonstriert: Für ihre frei erfundene Behauptung, muslimische Jungen würden bis zum achten Lebensjahr an der Brust ihrer Mutter gestillt (weshalb sie „das größte psychopathologische Kollektiv“ formten, „das die Welt bis jetzt gesehen hat“), suchte sich die Autorin, nachdem sie dafür mehrfach öffentlich verspottet worden war, einfach eine falsche Quelle.

Gerhard Scheit und Natascha Wilting

Eine rassistische Lüge macht unter "antideutschen" Autoren die Runde: Natascha Wilting in einer Fußnote von Gerhard Scheits "Suicide Attack".

Ein ähnlicher Hoax lässt sich, neben zahlreichen Plagiaten, aber auch in Thomas Mauls „Ahmadinedschad in New York“ finden – ein Aufsatz, der fast die gleiche Publikationskarriere hinter sich hat wie Wiltings „Psychopathologie des Islam“: erstmals 2008 in der BaHamas erschienen, um zwei Jahre später bei Ça ira als siebtes Kapitel seiner Monographie Sex, Djihad und Despotie ein kleines Comeback zu feiern. Und genau wie Wilting scheut auch Maul nicht davor zurück, seine Quellen zu fälschen, wenn es darum geht, rassistische Vorstellungen über den Anderen zu untermauern. So heißt es an entsprechender Stelle:

Zu dieser prekären Zwangshomosexualität [in islamischen Gesell­schaften] schreibt [der schwule Exiliraner Ali] Mahdjoubi: „Es war die Hölle.“1

Es handle sich dabei um einen Satz, fügt Maul vorwurfsvoll hinzu, den andere, wie Klauda, willentlich „aus[ge]spart“ hätten. Freilich kommt dieser Satz bei Mahdjoubi so auch gar nicht vor. Um zu demonstrieren, wie Maul seine Vorlage zinkt und in ihrer Aussagerichtung verkehrt, zitiere ich hier den Original-Passus und hebe die von Maul entlehnte Stelle fett hervor:

Würde ich so in diesem Geiste weiterreden, könnte der Eindruck entstehen, ich berichte aus einem Paradies für Homosexuelle. Dem ist leider nicht so, es ist eher die Hölle. Denn die kulturell und traditionell etablierten Umgangsformen mit Homosexualität, die zwar auch diskriminierende Elemente enthalten, aber das Leben dieser Menschen mit einem historisch tief verwurzelten Verständnis für Homosexualität und einem stark integrativen Ansatz erleichtern, sind Einflüssen unterworfen. Politik mischt sich ein, mit verheerenden Folgen nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft. Ein vorher nicht politisches Thema wird auf einen Schlag ein sehr politisches. Mit weitgehenden Konsequenzen für die Gesellschaft und für die Individuen.2

Man sieht hier deutlich die Modifikationen, die der Passus bei Maul erfährt. Aus einem Satz im Präsens wird eine Äußerung in der Vergangenheitsform. Damit ändert sich auch die Referenz: nicht mehr das Leben unter dem Mullah-Regime ist „eher die Hölle“, weil ein „vorher nicht politisches Thema“ auf einmal „sehr politisch“ wird. Nein, „die Hölle“ – da ist sich Maul in seiner Ablehnung ausnahmsweise mit den Mullahs einig3 – sollen ausgerechnet Mahdjoubis über zwei (!) Seiten hinweg zitierten und anschließend von Maul als „zwangs­homosexuell“ apostrophierten Jugenderfahrungen im vor­revolutionären Iran gewesen sein.

Mit dem Begriff der „Zwangshomosexualität“ adaptiert Maul den 1980 von Adrienne Rich geprägten Begriff der „Zwangsheterosexualität“, um ihn komplett gegen die Blickrichtung ihrer Urheberin zur kehren. Rich hatte zeigen wollen, wie lesbische Erfahrungen gesellschaftlich verknappt werden, indem man sie „auf einer Skala“ anordnet, „die von abartig bis abscheulich reicht“, während die sexuelle Neigung zum anderen Geschlecht, wie sehr sie auch institutionell aufgenötigt sei, allen als völlig natürlich anmute.

Doch genau diese von Rich in Frage gestellte Norm der Heterosexualität will Maul mit seinem Begriff restituieren, indem er die Gründe für die zunehmende soziale Verknappung gleichgeschlechtlicher Sexualität in westlichen Gesellschaften nicht nur konsequent beschweigt, sondern diese Knappheit zu einer Art Naturzustand erhebt. Daher erscheine – wie Ali Mahdjoubi kritisch einwendet – vielen „prowestlichen Intellektuellen […] [n]ur der mangelnde Kontakt zum anderen Geschlecht“ als Grund dafür, dass „homosexuelle Erfahrungen“, besonders unter Jugendlichen, vielen im Iran noch immer als „Selbstverständlichkeit“ gälten.4 Dass solche Erfahrungen auch im Westen früher einmal relativ „normal“ waren und erst in den letzten Jahrzehnten nahezu komplett von der Bildfläche verschwunden sind, darüber wird man bei Maul allerdings keine einzige reflektierende Zeile finden.

Das ist auch wenig verwunderlich, denn Maul gibt zwar vor, mit seinem Buch einen interkulturellen Vergleich zwischen Christentum und Islam geleistet zu haben. Doch in Wirklichkeit verfährt er nach dem Motto „Sehen, aber nicht gesehen werden“:5 Die eigenen soziokulturellen Normen werden jeder kritischen Thematisierung entzogen, um sie als unbefragten Maßstab am anderen anlegen und sich so von oben herab sein Urteil bilden zu dürfen.

Allerdings sind die Beweismittel in diesem Verfahren gefälscht: Nicht etwa über das von Maul aufgemachte Konstrukt der „Zwangshomosexualität“, sondern über die von den Mullahs betriebene Politisierung gleichgeschlechtlicher Lust schrieb Mahdjoubi, es formiere eine „Hölle“. Der Verkehrung dieser Aussage entspricht ihre Transformation in einen kulturrassistischen Kontext: Anstelle der weltweiten fundamentalistischen Bewegungen von Nashville über Neu Delhi bis zu Isfahan, die der Religionssoziologe Martin Riesebrodt über alle Kulturen hinweg durch ihre gemeinsame neopatriarchalische Orientierung verbunden sieht,6 attackiert Maul die von ihm phantasierte „normale islamische Lebenswelt“7, um sie als kulturellen Humus des iranischen Herrschaftssystems zu konstruieren. Dies ist allerdings ein Ansatz, den sein vermeintlicher Kronzeuge Ali Mahdjoubi explizit zurückweist und der ihm von Maul durch ein manipuliertes Zitat gewaltsam in den Mund gestopft werden muss. So führt Mahdjoubi noch im selben Absatz aus:

Natürlich bezieht sich die Politik der islamischen Republik auf die angeblichen Traditionen und Moralvorstellungen der Gesellschaft. Diese gibt es zweifelsohne, aber nicht nur in eine Richtung und nicht nur restriktiv. Die Verzahnung zwischen Politik und Trägern einer bürgerrechtsfeindlichen, gegen individuelle Freiheiten gerichteten Tradition ist in einem islamischen Land wie Iran nicht anders als eine ähnliche Verzahnung beispielsweise in den USA oder anderswo.8

Während Mahdjoubi von den „unerträglichen Sendungselementen“ im Denken „mancher westlicher Politiker und Intellektuellen“ spricht,9 weil sie statt der sozialen Kämpfe und politischen Widerstände „den Islam“ als kulturellen Monolith adressieren, ist es genau dies, was Mauls Buch von der vorderen bis zur hinteren Klappe zusammenhält. Dass er seinen Quellen dabei systematisch Gewalt antun, ihren Kontext umdeuten, ihren Wortlaut gezielt verändern muss, ist nur der besondere Ausdruck eines Werks, das sich auch ganz allgemein nicht als Beitrag zur Wahrheitsfindung, sondern als Viagra gegen die „militärische Impotenz“ des Westens versteht. Maul selbst nennt das „Feindaufklärung“, es ist aber bloß die dümmliche Feindbildpropaganda, die zum imperialistischen Bewusstsein der Massen gehört.

  1. Thomas Maul, Sex, Djihad und Despotie (Freiburg: ça ira, 2010), 165. []
  2. Ali Mahdjoubi, „Homosexualität in islamischen Ländern am Beispiel Iran“, in Islam und Homosexualität, hrsg. v. Michael Bochow und Rainer Marbach (Hamburg: Männerschwarm, 2003), 93. []
  3. Zu den unbeabsichtigten Allianzen zwischen Islamisten und westlichen Liberalen in Sachen „Homosexualität“ siehe auch die Kritik von Joseph Massad und mir. []
  4. Mahdjoubi, „Homosexualität in islamischen Ländern“, 95. []
  5. Vgl. Christina von Braun und Bettina Mathes, Verschleierte Wirklichkeit (Berlin: Aufbau, 2007), 23 f. []
  6. Vgl. Martin Riesebrodt, Die Rückkehr der Religionen: Fundamentalismus und der „Kampf der Kulturen“ (München, Beck, 2000), 117-140. []
  7. Maul, Sex, Djihad und Despotie, 164. []
  8. Mahdjoubi, „Homosexualität in islamischen Ländern“, 93 f. []
  9. Ebd., 94. []