Ausgerechnet in der Jungle World ist diese Woche eines der interessanteren Interviews mit Judith Butler zum Thema Homonationalismus erschienen. „Ausgerechnet“ deshalb, weil die Jungle World als antideutsche – oder sollten wir nicht vielmehr sagen: „islamkritische“ – Zeitung pikanterweise viele der von Butler kritisierten Positionen selbst vertritt. Das zeigt zugleich die verkürzte Perspektive des Begriffes „Homonationalismus“, sofern dieser allein auf Diskurse innerhalb der lesbisch-schwulen Szene bezogen wird, da auch ein beflissener Teil der deutschen Mehrheitsgesellschaft das Thema Homophobie seit Jahren zur Reformulierung rassistischer Grenzziehungen nutzt – ungeachtet der Tatsache, dass auch er nicht davon lassen kann, immer wieder auf homo- und transphobe Bilder zurückzugreifen.

So schreibt etwa Jin Haritaworn über ein von Andreas Michalke gezeichnetes Frontcover der Jungle World, das am 26. Juni 2008 unter dem – als sprachliche Nachahmung türkischer Migranten intendierten – Schwerpunkt-Titel „Bissu schwül oder was?“ erschienen ist:

Die Inszenierung als Comic erlaubt es, die Minderheiten aktiv aufeinander loszulassen, einander direkt bekämpfen zu lassen. Dies verläuft zwar zugunsten der Queers, diese werden jedoch keinesfalls schmeichelhaft dargestellt: Gerade die Dragqueens fallen durch ihre grobschlächtigen Proportionen, ihren schlechten Stil und ihre dichte Behaarung von Armen, Beinen und Gesicht auf.
Das Drag-­Spektakel verdeutlicht die sexuellen Widersprüche des Krieges. Es hat wenig von der Normalität und Attraktivität des schwulen Kusses. Es ist im Gegenteil eine Freakshow, die uns belustigt, voyeuristisch macht, an sich heranzieht und zugleich abstößt. Der Krieg wird hier sexuell ausgetragen: Seine Waffen sind Anal-­Plugs, welche noch dampfen, ein Gummiknüppel, der in den Hintern gezwungen wird, hohe Absätze, die in den Schritt zielen. Als effektivste Waffe erscheint (der untypisch emotionalen Mimik des Opfers folgend) der Schwanz einer Dragqueen, welcher ein großes Piercing trägt. Der klassisch transphobe Ekel vor modifizierten Genitalien und Analsex mischt sich nahtlos mit der Behauptung mehrheitsdeutscher Fort-­ und migrantischer Rück­schrittlichkeit.1

Dies sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man Judith Butlers durch Jasbir Puar informierte Kritik des Homonationalismus liest:

In den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden, um nur ein paar Länder zu nennen, können wir den Anstieg des sogenannten Homonationalismus beobachten, also der Vorstellung, dass Freiheiten für Homosexuelle vor nicht-europäischen ImmigrantInnen geschützt werden müssten. Wenn »Homosexuellen-Rechte« zu einem Merkmal für den »fort­schrittlicheren« Status europäischer Kulturen instrumentalisiert und benutzt werden, um staatliche Sicherheitsapparate auszubauen, dann ist diese Politik von einem europäischen Nationalismus und der Ausweitung sicherheitspolitischer Machtregime vereinnahmt worden. Auf dieser Basis macht man sich mit Maßnahmen gegen ImmigrantInnen und der abscheulichen Tradition, Europa rassisch rein zu halten, gemein. Hier werden Formen kultureller Über­legenheit unterstützt, die unannehmbar sind. Wenn EuropäerInnen diese Haltung akzeptieren, dann verunmöglichen sie die Zusammenarbeit mit Queer-Gruppen aus Beirut, Kairo oder Ankara. Aber es gibt viele Formen, den Kampf gegen Gewalt und Pathologisierung zu führen. Eine globale Bewegung muss mit lokalen Gruppen arbeiten und regionale Kämpfe in Betracht ziehen, damit eine Koalition aus vielen Ländern entstehen kann. In diesem Kampf gibt es keinen Platz für Rassismus.

Darauf antwortet die Jungle World in Gestalt ihrer Interviewerin Katharina Hamann (vermutlich ein Redaktions-Pseudonym) mit einer Suada, die es in sich hat und bei manchen der von ihr jahrelang konditionierten Leser_innen offenbar auf fruchtbaren Boden fällt:

Aber zu sagen, dass es etwa in den USA mehr Freiheiten für Homosexuelle gibt als in Uganda, scheint zunächst nur deskriptiv. Genauso, wenn man außerdem sagt, dass die Niederlande die progressivste LGBT-Gesetzgebung haben. Diese Freiheiten für alle zu fordern – auch wenn sie unvollständig sind und es natürlich auch in den Niederlanden homophobe Gewalt gibt –, hat nichts mit kultureller Überlegenheit zu tun, sondern ist eine legitime politische Forderung. Die Kritik homophober Gesetze oder Praktiken scheint häufig als rassistisch delegitimiert zu werden, vor allem wenn islamische Staaten oder Gemeinden kritisiert werden. Können Sie das innerhalb der Queer-Bewegung auch beobachten? Wird das Label »Homonationalismus« nicht manchmal zur Diskreditierung von legitimer Kritik genutzt?

Das als Frage ausgerechnet aus dem Munde einer Zeitung zu hören, die das Label Antisemitismus regelmäßig und absichtsvoll dazu benutzt, „legitime Kritik“ an der israelischen Besatzungspolitik in jeder denkbaren Form zu diskreditieren, ist schon einigermaßen verrückt. Es wird aber geradezu grotesk, wenn man bedenkt, dass es Butler in ihrer Kritik vor allem darum ging, die Konditionen für eine Zusammenarbeit mit Queer-Gruppen aus nicht-westlichen Ländern zu benennen – eine Kooperation, die gerade von den Kritiker_innen des Homonationalismus wie GLADT seit Jahren erfolgreich praktiziert wird. Demgegenüber dient die „Kritik homophober Gesetze und Praktiken“ à la Hamann nicht etwa einer konkreten Solidaritätsarbeit, sondern vor allem der Selbstüberhöhung westlicher Staaten und Staatsbürgersubjekte. Die „Toleranz“ gegenüber den als lesbisch oder schwul markierten Anderen schreiben sie sich vor allem deshalb so ostentativ auf die Fahnen, weil sich Migrant_innen dergestalt noch leichter draußen halten lassen. Ihre Liberalität, für die sie öffentlich gelobt werden wollen, gilt allein der Aufrüstung der Festung Europa.

Eine Zumutung ist dieser – wohlgemerkt: auch von Heteros praktizierte – „Homonationalismus“ jedoch vor allem im Hinblick auf lesbisch-schwule Jugendliche, deren erschreckende Situation von Leuten wie Hamann systematisch verharmlost und unter den Tisch gekehrt werden muss, um die Welt an den „Errungenschaften“ des Westens zu blamieren. Dass einer Studie der Berliner Senatsverwaltung zufolge2 60% dieser Jugendlichen in der „liberalen“ Hauptstadt der BRD schon einmal an Suizid gedacht haben (Hauptgrund Einsamkeit); dass 20 bis 40% der 1,6 Millionen obdachlosen Teenager in den USA vor der Homophobie ihres Herkunftsmilieus geflohen sind (oder aufgrund ihrer sexuellen Identität vom Pater familias verstoßen wurden) – all dies wird hinter einem Selbstbild versteckt, in dem „unsere Nationen“ als Hort der Akzeptanz und Leuchtfeuer der Freiheit erscheinen. Eine solche Perspektive schließt Solidarität mit Gruppen in Ankara und Istanbul auf der Basis gemeinsamer Gewalt- und Exklusionserfahrungen jedoch gerade aus, um sie durch eine „Zivilisierungsmission“ zu ersetzen, die zur Not auch einmal helfen muss, die zahlreichen westlichen Angriffskriege noch für den letzten linken Studenten zu rechtfertigen.

Infam wird es schließlich dann, wenn Hamann ausgerechnet die USA und Uganda gegeneinander auszuspielen versucht, obwohl jeder ernstzunehmende Journalist wissen könnte, dass die Kampagne zur Einführung der Todesstrafe für „aggravated homosexuality“ in Uganda wesentlich von evangelikalen Gruppen aus den USA angeleiert wurde. Tatsächlich handelt es sich hier bereits um die dritte Welle eines historischen Exports westlicher Homophobie nach Afrika – ein gutes Jahrhundert nach der ersten, in der Britannien seine Sodomie-Gesetzgebung im Packet mit dem christlichen Glauben in die Kolonien verlud, und der zweiten in den 1950er Jahren, als Europa und die Vereinigten Staaten ihre Auffassung von „Homosexualität“ als pathologische Aberration weltweit universalisierten. In der „nur deskriptiv[en]“ Ebene von Hamann wird diese Geschichte jedoch ebenso ausgeblendet wie die gegenwärtigen Aktivitäten protestantischer Gruppen und Organisationen mit Sitz in den USA, die ihre homophobe Version des Christentums nun schon seit Jahren in Afrika und Lateinamerika ungehindert verbreiten. Finanziert wohl nicht zuletzt durch den US-Kongress, der diesen Ländern unter dem Deckmantel der Aids-Prävention seine lächerlichen christlichen Abstinenz-Programme aufzwang.

Die Verbindung zwischen US-Evangelikalen und den fundamentalistischen Befürworten der Todesstrafe für Homosexuelle in Uganda ist längst ein prominentes Thema unter liberalen amerikanischen Journalist_innen wie Rachel Maddow, die tatsächliche Solidaritätsarbeit leisten, indem sie die religiöse Rechte ihres eigenen Landes angreifen, während man in der kriegsverliebten Jungle World noch immer glaubt, dass sich der Globus geopolitisch in zwei Hälften teilen ließe: hie der „liberale Westen“, da eine einzudämmende, fundamentalistische „Dritte Welt“.

  1. Jin Haritaworn, „Kiss-ins und Dragqueens: Sexuelle Spektakel von Kiez und Nation“, in: Verqueerte Verhältnisse: Intersektionale, ökonomiekritische und strategische Interventionen, hrsg. v. AG Queer Studies (Hamburg: Männerschwarm, 2009), 56. []
  2. L. Lähnemann u.a., Sie liebt sie. Er liebt ihn. (Berlin 1999), 71. []