Was ist an Bord der Mavi Marmara tatsächlich geschehen? Wie kam es zum Tod von mindestens neun Aktivisten der unter türkischer Flagge segelnden Gaza-Hilfsflotte? Als materielle Quelle existiert bislang nur ein etwa einminütiger Video-Schnipsel der israelischen Armee (IDF), in dem zu sehen ist, wie drei Soldaten, die sich aus einem Helikopter an Deck des Schiffes abseilen, von der Besatzung mit Schlagstöcken empfangen und so gewaltsam „unschädlich“ gemacht werden. War dies der Auslöser für eine Panikreaktion – gar für eine, wie die IDF behauptet, legitime Notwehrmaßnahme im Angesicht eines gefährlichen Lynchmobs?

Aussagen eines Reporter-Teams von Al-Jazeera und anderer Passagiere, die zu Augenzeugen von verschiedenen Tötungshandlungen wurden, betten diese Szene nun in einen Gesamtkontext ein, der die offizielle Version der IDF radikal in Zweifel zieht. Danach handelte es sich bei den tödlichen Schüssen keineswegs um die erforderliche Abwehr eines gegenwärtigen Angriffs auf Leib und Leben – um den juristischen Tatbestand der Notwehr also -, sondern um eine zweite Angriffswelle mit scharfer Munition, die gestartet wurde, nachdem der erste Hubschrauber mit seiner Mission bereits gescheitert und seine Soldaten längst entwaffnet worden waren.

Das freilich bestätigt nun eher den von Sympathisanten der Flotte erhobenen Massaker-Vorwurf als die Notwehr-Behauptung, die die Armee am Montag geschickt in Umlauf setzte. Dass sie es allerdings versäumt, die eigene Version am Filmmaterial tatsächlich zu belegen und die Presse stattdessen mit einem Videoclip abspeist, in der nicht etwa die entscheidende zweite Angriffswelle, die zum Tod der neun Aktivisten führte, sondern nur die Fehlmission des ersten Helikopters zu sehen ist, erschüttert die Glaubwürdigkeit der IDF am Ende mehr, als die Zeugenaussagen der Passagiere es je könnten.