Auf lange Sicht haben fast alle Gelehrten [Hannah] Arendts These übernommen, der typische Holocausttäter sei „erschreckend normal“ und keinweswegs ein überzeugter Antisemit. Der Holocausthistoriker Yehuda Bauer schreibt: „Die Deutschen mußten die Juden nicht hassen, um sie zu töten … Man vermutet, daß, wenn sie die Anweisungen erhalten hätten, alle Polen oder Franzosen zu töten, sie sie genauso effizient ausgeführt hätten.“ Aus diesen und anderen Gründen haben Holocaustexperten Daniel Jonah Goldhagens Argument abgelehnt, daß eine Generationen umspannende systematische Sozialisierung im mörderischen Haß auf Juden eine notwendige Bedingung für den Holocaust war. (Es ist ein beruhigendes Argument: Wenn ein so tiefer und lange bestehender Haß eine notwendige Bedingung für einen Massenmord ist, sind wir sehr viel sicherer, als viele von uns denken.) Aber der Wunsch, die Täter in der traditionellen Weise zu beschreiben, bleibt stark – deshalb war Goldhagens Buch ein Langzeitbestseller.

Peter Novick, Nach dem Holocaust: Der Umgang mit dem Massenmord (Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 2001), 184 f.