Am 26. Februar soll der amerikanische Politikwissenschaftler Norman Finkelstein, unter anderem auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost, in Berlin einen Vortrag halten, der den etwas sperrigen Titel trägt: “Ein Jahr nach dem Überfall der israelischen Armee auf Gaza – die Verantwortung der deutschen Regierung an der fortgesetzten Aushungerung der palästinensischen Bevölkerung”. Vermutlich wird der Vortrag vor allem eine Collage seines neuen Buches ‘This Time We Went Too Far’ sein, über dessen Grundthesen man sich in zahlreichen Youtube-Videos informieren kann.
Indessen hat der Landesarbeitskreis (LAK) “Shalom”, der sich vor wenigen Jahren gründete, um die Linkspartei auf einen stramm proisraelischen Kurs einzuschwören, im Verbund mit anderen Gruppen zu einer Kundgebung aufgerufen, um unter dem Motto “Was zu viel ist, ist zu viel” aus diesem Vortrags- und Diskussionsabend, der nunmehr sogar in den Räumen der eigenen Parteistiftung stattfinden soll, eine Art öffentlichen Skandal zu zaubern.
Sich mit eigener Substanz an der Diskussion zu beteiligen ist die Sache des LAK Shalom aber offenbar nicht, denn statt auch nur mit einem Wort auf die inhaltliche Kritik von Finkelstein an Israels Kriegs- und Blockadepolitik einzugehen, hat man lieber eine Schlammschlacht gegen ihn entfesselt, die ihn als Redner persönlich disqualifizieren soll. Dass seine Bücher Zuspruch vor allem von Borderline-Nazis wie David Duke erhielten, ist dabei noch einer der harmlosesten Vorwürfe. Wie allerdings erklärt sich der LAK Shalom, dass sich unter seinen Fürsprechern neben zahlreichen israelischen und amerikanischen Linken (den üblichen Verdächtigen, die in den Augen dieser Pressure Group vermutlich bereits ins “Antisemitenlager” zählen) auch Raul Hilberg und Avi Shlaim finden?
Mag sein, dass Shlaim als einer von Israels renommierten “neuen Historikern” bei diesen Leuten ebenfalls keinen besonders guten Ruf genießt, aber Hilberg ist immerhin Autor des dreibändigen Standardwerks über die deutsche Judenvernichtung und galt bis zu seinem Tod im Jahr 2007 als der Nestor der internationalen Holocaust-Forschung. Dass beide Finkelstein ausgerechnet in dem Moment zu Hilfe eilten, als die Attacken gegen ihn gerade ihren Siedepunkt erreichten, zeigt zudem, dass sie dies im vollen Bewusstsein auch der umstritteneren Aspekte seines Werks taten, sei es, weil sie diese für nicht so gravierend hielten oder ihnen sogar offen zustimmten – wie anscheinend Hilberg, der Finkelstein für seinen “akademischen Mut” lobte, “die Wahrheit zu sagen, wenn niemand anderes da draußen ist, ihn zu unterstützen”.
Hat sich Hilberg, wie der LAK Shalom kolportiert, öffentlich hinter einen “Geschichtsrevisionisten” gestellt? Wohl kaum. In der berühmten Goldhagen-Debatte war es nicht dieser, sondern Finkelstein, der den Konsensus der internationalen Holocaust-Forschung gegen einen “Revisionisten” verteidigte. “Revisionist” (das Wort bezeichnet für gewöhnlich Holocaust-Leugner und ist hier kaum angemessen) war Goldhagen insofern, als er den Holocaust monokausal auf eine spezifisch deutsche Tradition, den sog. eliminatorischen Antisemitismus, zurückführen wollte, während etablierte Historiker darauf beharrten, dass der Antisemitismus, erstens, nur einer von mehreren Faktoren war, die den Holocaust erklären, und, zweitens, die Judenfeindschaft in der deutschen Bevölkerung sich überhaupt nicht grundlegend von der in anderen Ländern unterschied.
Zoff löste denn auch nur die von Finkelstein selbst als unwissenschaftlich gekennzeichnete polemische Nachbemerkung aus, in der er frei heraus über Goldhagens zionistische Motive spekulierte: Wenn der Holocaust, entgegen allen bisherigen wissenschaftlichen Annahmen, in seinen Ursachen allein der Tradition des Antisemitismus zugeschlagen werden könnte – eine Tradition, die hier gleichsam kontextlos für sich steht -, so sei daraus viel eher eine Rechtfertigung des jüdischen Nationalismus abzuleiten, als wenn man auch andere Faktoren in Rechnung stelle, um aus dem deutschen “Verwaltungsmassenmord” (Hannah Arendt) an Juden und Roma z.B. eine Kritik des modernen Rassismus, des völkischen Nationalismus oder der “instrumentellen Vernunft” (Horkheimer) im organisierten Kapitalismus zu entwickeln.
Hier stehen sich, wie Zygmunt Bauman in seinem Buch Dialektik der Ordnung ausführt, zwei grundsätzlich verschiedene Paradigmata gegenüber: Die einen interpretieren den Holocaust vor allem als Ereignis in der Leidensgeschichte des jüdischen Volks und Kulminationspunkt eines Jahrtausende alten Judenhasses – für Finkelstein der Fokus der sog. Holocaust-Literatur, die er von seriöser Geschichtswissenschaft in der Tradition Hilbergs abzugrenzen versucht und als deren neuen Prototypen er Daniel J. Goldhagen begreift. Die anderen dagegen bemühen sich um eine kritische Bestandsaufnahme der Epoche, die Auschwitz hervorbrachte. Für sie hatte die historische Wahl des Vernichtungsobjekts im Grunde einen akzidentellen Charakter, weil – in den Worten Horkheimers und Adornos – “die Eigenart, um derentwillen die Opfer erschlagen werden,” in der total integrierten Gesellschaft “selber längst weggewischt” sei:
Die Menschen, die als Juden unters Dekret fallen, müssen durch umständliche Fragebogen erst eruiert werden, nachdem unter dem nivellierenden Druck der spätindustriellen Gesellschaft die feindlichen Religionen, die einst den Unterschied konstituierten, durch erfolgreiche Assimilation bereits in bloße Kulturgüter umgearbeitet worden sind.
Zu diesem Schluss gelangen die Autoren nun ausgerechnet in einem Text, der sich den für den Genozid als konstitutiv erachteten “Elementen des Antisemitismus” widmet. Tatsächlich aber würden die Juden “zu einer Zeit ermordet, da die Führer die antisemitische Planke so leicht ersetzen könnten, wie die Gefolgschaften von einer Stätte der durchrationalisierten Produktion in eine andere überzuführen sind”. – “Und wie die Opfer untereinander auswechselbar sind, je nach der Konstellation: Vagabunden, Juden, Protestanten, Katholiken, kann jedes von ihnen anstelle der Mörder treten, in derselben blinden Lust des Totschlags, sobald es als die Norm sich mächtig fühlt.”
Finkelstein trägt, und das macht ihn so verhasst, die These, dass die Kritik des Antisemitismus nicht den Kern dessen repräsentiere, was aus dem Holocaust zu lernen sei, mit einer starken polemischen Spitze gegen den Zionismus vor, obwohl er die Existenz Israels deshalb noch lange nicht in Frage stellt. Er ist nicht einmal Anhänger der von vielen amerikanischen Linken favorisierten Ein-Staaten-Lösung, sondern hält sich an den internationalen Konsensus auch in der Frage des Völkerrechts, das Israel – unabhängig von der üblichen moralischen Begründung seiner Existenz durch Verweis auf den weltweiten Antisemitismus – das Recht zusichert, “innerhalb sicherer und anerkannter Grenzen frei von Drohungen und Akten der Gewalt in Frieden zu leben”.
Der LAK Shalom aber hält diese Position für “extrem”. Doch an Finkelsteins Kritik der israelischen Kriegs- und Besatzungspolitik ist nichts extrem: Sie orientiert sich an den einstimmigen Entscheidungen des Internationalen Gerichtshofs über die Illegalität der israelischen Siedlungen, der jedes Jahr mit überwältigender Mehrheit verabschiedeten UNO-Resolution über die friedliche und gerechte Beilegung des Nahost-Konflikts und den bis ins kleinste Detail übereinstimmenden Berichten der großen Menschenrechtsorganisationen über die Lage der Palästinenser. Wenn überhaupt, dann ist der Ausdruck “extrem” wohl eher auf die Aussagen politischer Verbündeter des LAK Shalom wie den Journalisten Alex Feuerherdt zu applizieren, der in jüngster Zeit dazu übergegangen ist, die koloniale Siedlungspolitik Israels in den besetzten palästinensischen Gebieten öffentlich zu legitimieren.
Und in gewisser Weise finde ich es auch “extrem”, wie der LAK Shalom mit der Tatsache umgeht, dass Finkelstein Sohn zweier Überlebender des Warschauer Ghettos, des Vernichtungslagers Majdanek (im Falle der Mutter) und des Auschwitz-Todesmarsches ist (das Schicksal seines Vaters). Niemand hat behauptet, dass das ein Argument für seine politischen Positionen sei. Aber aus diesem Faktum ein so genanntes zu machen, indem man schreibt, dass er sich als Sohn von Holocaust-Überlebenden “bezeichnet” (um damit zu implizieren, dass er es womöglich gar nicht ist), stellt sich mir in seiner Form – als persönlicher Angriff auf die biographische Integrität von Maryla und Zacharias Finkelstein, die der LAK Shalom damit ja implizit der Lüge verdächtigt – als so abgeschmackt dar, dass ich den Schluss meines Beitrags vor allem der Wiederherstellung ihres Andenkens widmen möchte.
Von Maryla Husyt Finkelstein sind zahlreiche Tonbandaufnahmen überliefert (hier ein Ausschnitt), in denen sie von ihrer Leidensgeschichte erzählt – nicht zuletzt in der Absicht, eine junge Generation politisch aufzurütteln, um gegen Krieg, Entrechtung und Rassismus in all ihren Gestalten zu protestieren. In seiner Biographie Haunted House schildert Norman Finkelstein den lebenslangen Eindruck, den sie damit auch auf ihren Sohn machte – ob zum Guten oder Schlechten, sei einmal dem Urteil des Lesers anheimgestellt. Mit der folgenden Übersetzung will ich davon zumindest eine leise Idee geben.
Jeden Abend, wenn wir die Nachrichten im Fernseher sahen, wendete meine Mutter ihre Augen ab und hob die Hand, um den Bildschirm zu verdecken, sobald Szenen aus Vietnam darüber hinweg flimmerten. Nach wenigen Augenblicken kam dann immer die Frage: “Ist es schon vorbei?” Obwohl sie überhaupt keinen Hang zur Selbstdarstellung hatte, konnte sie die Szenen von Zerstörung und Tod einfach nicht ertragen. Während die meisten meiner Freunde und ihrer Eltern sich am Ende gegen den Vietnam-Krieg stellten, tönte die moralische Dringlichkeit, sich zu widersetzen, in meinem Elternhaus doch mit einer völlig anderen Dezibelzahl. Der Krieg war nicht ein Gegenstand intellektueller oder politischer Auseinandersetzungen oder sogar vehementen Streits. Das ganze Wesen meiner Mutter revoltierte dagegen. Ich würde nicht sagen, dass sie emotional angesichts des Krieges war; sie war hysterisch. Obschon über die Fakten gut unterrichtet, verabscheute sie jede Form seiner Intellektualisierung. Selbst die Beteiligung an einer Debatte über Vietnam stellte eine moralische Travestie dar. Denn es bekundete einen Mangel an wirklicher Empörung über und Verständnis des sich offenbarenden Horrors: niemand, der tatsächlich den Krieg miterlebt hatte, konnte oder würde ihn still diskutieren. Aus ähnlichen Gründen verachtete sie meine Entscheidung, dem Debattierklub der High School beizutreten. Die Kunst der Debatte war es, mit gleicher Leidenschaft und Fertigkeit für beide Seiten einer gegebenen Frage zu argumentieren. In ihren Augen nährte dies die Doppelzüngigkeit, die amoralische Manipulation von Worten.
Oft rief meine Mutter aus, dass die Vereinigten Staaten “schlimmer als Hitler” wären. Zugegebenermaßen waren in meinem Elternhaus viele Dinge “schlimmer als Hitler”, gelegentlich sogar meine Geschwister und ich, oder “schlimmer als Auschwitz”, einschließlich das Essen meiner Mutter. Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter den Vergleich zwischen den USA und Hitler wörtlich meinte oder ob sie überzog, um anderen die Größe des Verbrechens, das der Vietnamkrieg darstellte, zu vermitteln. Da ich die Entrüstung meiner Mutter verinnerlicht hatte, war ich beinahe nicht mehr zu ertragen, wann immer die Rede auf Vietnam fiel. Ich erinnere mich noch an den Schock und Ekel, nachdem ich an meiner High School die Klasse im Volkswirtschaftskurs dazu gezwungen hatte, sich Passagen aus einem Buch anzuhören, das die US-Gräuel in Vietnam mit drastischen Bildern beschrieb, und niemand außer mir davon physisch ergriffen war. Bis heute erschaudere ich im Gedanken an den Augenblick, als ich am College bei einem Teach-in über den Krieg öffentlich zusammenbrach. Im Rückblick bedauere ich meine selbstgerechte Pose, aber, falls das irgendeine Entschuldigung ist: der Krieg berührte mich wirklich tief. Ich konnte nicht verstehen, wie Menschen das Blutbad abspalten und mit ihrem Business-as-usual weitermachen konnten: in diesem Augenblick, dachte ich, werden Vietnamesen ermordet. Erst viele Jahre später lernte ich, nachdem ich Noam Chomsky gelesen hatte, dass es möglich war, große wissenschaftliche Strenge mit beißender moralischer Empörung zu vereinen; dass ein intelligentes Argument nicht notwendig ein intellektualisierendes war.

Danke für diesen erhellenden Beitrag. Ich habe den Aufruf von LAK Shalom gelesen und wurde gleich misstrauisch.
Ich weiß nicht, ob Finkelstein ein bedeutender oder weniger bedeutender Forscher ist. Ich weiß aber, dass es eine kleine Finkelstein-Industrie gibt, die darum wetteifert, die jeweils aktuellste Pathologisierung seiner Person bzw. die Reduzierung seiner Arbeiten auf Individualpsychologie zu betreiben. Das oben dokumentierte geradezu genüssliche Anprangern seiner Biographie kam mir irgendwie bekannt vor, und hier habe ich denn auch eine Art Vorläufer-Text entdeckt — man lese: http://jungle-world.com/artikel/2002/42/23078.html “Finkelstein ist auch ein Produkt einer gesellschaftlichen Erfahrung, die das jüdisch-kommunistische New Yorker Milieu machen musste, dem sich seine Eltern anschlossen, nachdem sie der Vernichtung entronnen waren.”
Blöd nur, dass daran – bis auf die Information im letzten Halbsatz – nichts stimmt, wie Finkelstein selber in einem Leserbrief erstaunlich gelassen klarstellt — http://jungle-world.com/artikel/2002/44/22976.html
sehr informativ, danke.
Der Aufruf gegen Finkelstein ist sprachlich unter aller Kanone, und die persönlichen Angriffe sind auch kaum zu rechtfertigen. Die in diesem Blog-Eintrag vorgenommene Umdeutung der Goldhagen-Debatte scheint mir aber ebenfalls hart an der Grenze des guten Geschmacks: Finkelstein nahm gegen Goldhagen vor allem einen Konsens der DEUTSCHEN Holocaust-Forschung in Schutz, die sich eine EInmischung “von außen” eh verbat und dabei nicht selten antisemitische Untertöne anschlug. Vergangenheitspolitisch hatte diese deutsche Debatte immer entlastenden und relativierenden Charakter und reagierte deshalb besonders allergisch auf Goldhagens Thesen. Ob es nun ein Verdienst ist, dass Finkelstein den Gegnern Goldhagens vor allem deshalb beigesprungen ist, weil Goldhagens Thesen Finkelsteins politischem Hauptanliegen, nämlich seinem Antizionismus, in die Parade fuhren, halte ich für zweifelhaft. Mindestens so zweifelhaft scheint es mir, Stellen aus der Dialektik der Aufklärung gegen Goldhagen in Stellung zu bringen, da diese geschrieben wurden, bevor das gesamte Ausmaß der Shoah überhaupt bekannt wurde. Die Frankfurter haben später auch deutlich von den hier zitierten Stellen abweichende Positionen stark gemacht, was man nicht einfach verschweigen darf.
Das ist absoluter Unsinn. Die Garde der Kritiker umfasste nicht nur deutsche Historiker wie Eberhard Jäckel, Hanns Mommsen und Ruth Bettina Birn, sondern auch amerikanische und englische Historiker wie Raul Hilberg, Ian Kershaw, Fritz Stern und David Schoenbaum. Tatsächlich war die Ablehnung in internationalen Fachkreisen einhellig – sieht man mal von Wolfgang Wippermann ab, der Goldhagen aus rein politischen Motiven hypte, unangeachtet der miserablen Qualität seiner Arbeit.
Die Vorstellung, deutsche Wissenschaftler würden sich eine “Einmischung von außen” verbitten, erscheint mir angesichts des internationalen Organisationsgrads von Wissenschaft doch ziemlich antiquiert, und zwar auch und gerade im Bereich der Holocaust-Forschung. Wer die relevanten Arbeiten englischsprachiger Fachkollegen ignoriert, schießt sich damit nur selber ins Abseits.
Die Unterstellung, dass die wissenschaftliche Abfertigung von Goldhagen “antisemitische Untertöne” gehabt habe, halte ich für nicht besonders glaubwürdig, und es hört sich eher nach einem schlechten Vorwand an, sich mit der methodisch-inhaltlichen Kritik an einem Werk nicht auseinandersetzen zu müssen, das für sich in Anspruch nahm, die gesamte bisherige Holocaust-Forschung zu Makulatur zu stempeln, während ihm nachgewiesen wurde, dass es diese Forschung noch überhaupt nicht zureichend rezipiert hatte.
Also erstens wüsste ich nicht, wen diese Debatte hätte entlasten sollen, da ja nur noch eine Handvoll Täter lebt. Zweitens war es Goldhagen selbst, der den Deutschen – ausgerechnet nach den ausländerfeindlichen Pogromen Anfang der 90er Jahre – einen Persilschein ausstellte, indem er sie für ihre vorbildliche demokratische Vergangenheitsbewältigung lobte und ihnen eine völlige “Gesundung” vom Wahn des “eliminatorischen Antisemitismus” attestierte. Und drittens war Goldhagen Ende der 90er Jahre auch in Deutschland ein populärer Kassenschlager, was darauf schließen lässt, dass seine wissenschaftlich unbefriedigenden Thesen gleichwohl ein populäres Bedürfnis stillten. Die fachhistorische Kritik wurde dagegen kaum zur Kenntnis genommen, am allerwenigsten in der deutschen Linken – was bis heute nicht zu unterschätzende Folgen hat, wie die Hypertrophie des Themas Antisemitismus zu einem Zeitpunkt zeigt, an dem eigentlich etwas ganz Anderes anstünde; etwa die Kritik an Verarmung, Rassismus und Krieg.
Welche Positionen das sein sollen und wo sie stehen, lässt du leider im Dunkeln. Meines Wissens haben sich Horkheimer und Adorno nach dem Krieg kaum mehr zum Antisemitismus geäußert. Ich sage das mit einigermaßen gutem Gewissen, da ich, mit Ausnahme der musiktheoretischen Schriften, eigentlich den Großteil ihrer Werke gelesen habe.
Natürlich kann es sein, dass man in ihrem Briefwechsel, den ich nur in Ausschnitten kenne, auch Revisionen und abweichende Positionierungen findet. Das müsstest du mir aber erst mal zeigen. Tatsächlich glaube ich eher, dass eine neue Generation von Adorno-Verehrern ihre durch Moishe Postone gefilterten Anknüpfungsversuche an die Kritische Theorie allmählich mit dieser zu verwechseln beginnnt.
wenn sich täter-enkel wie du, lysis, über die israelische (siedlungs)politik auslassen und sich wie der außenminister aufführen, wird es min. genauso eklig wie beim lak shalom.
Ich finde es auch nicht unbedingt toll, das Thema ausgerechnet in Deutschland breit zu treten. Aber wenn das bedeutet, dass künftig nur noch Leute wie Alex Feuerherdt sich äußern dürfen, dann bin ich auch bereit, diesen von mir selbst so empfundenen Ekel zu ertragen, statt mich jahrelang im Stillen über diesen reaktionären Scheiß zu ärgern.
die tendierst wieder mal zum übertreiben, rhizom. natürlich gab es auch “kritik”, auch von wissenschafter/innen, die von deutschem nationalismus zeugte.
aus dem gsp, der wohl des pro-israelisch- bzw. zionistisch-seins recht unverdächtig ist:
Entschuldige, aber ich glaube, es macht wenig Sinn, die nationalistische Feuilleton-Debatte mit der Fachdiskussion in der internationalen Forschung zu vermischen. Die These, Hitler hätte alle sechs Millionen Juden höchstpersönlich umgebracht und die “gewöhnlichen Deutschen” hätten damit nichts zu tun gehabt, ist in dieser Forschung nämlich nie vertreten gewesen.
Nehmen wir Raul Hilberg. Dieser schrieb bereits 1961, dass “sich die Vernichtungsmaschinerie nicht grundlegend vom deutschen Gesellschaftsgefüge insgesamt [unterschied]; der Unterschied war lediglich ein funktioneller. Die Vernichtungsmaschine war in der Tat nichts anderes als eine besondere Rolle der organisierten Gesellschaft.” Und weiter:
Dabei spricht auch Hilberg bereits von “gewöhnliche[n] Menschen”, die “sich unversehens vor außerordentliche Aufgaben gestellt” sahen: “Eine Phalanx von Funktionären in öffentlichen Ämtern und privaten Unternehmen wuchs über sich hinaus.”
Aber der Unterschied ist, dass für Hilberg die Vernichtung die Struktur eines arbeitsteilig organisierten industriellen, formal-bürokratischen Prozesses hatte, bei dem es wesentlich um kreative “Pflichterfüllung” ging. Dagegen ist für Goldhagen, der allen Ernstes beansprucht, die gesamte bisherige Holocaust-Forschung über den Haufen zu werfen, die Vernichtung eine Serie von individuellen Mordtaten fanatischer und blutrünstiger Judenfeinde gewesen, die aus nichts als persönlichem Hass getötet haben – weil, so Goldhagen weiter, die deutsche Bevölkerung irgendwann im 19. Jahrhundert in ihrer übergroßen Mehrheit an einem “Wahn” erkrankt sei: dem sog. eliminatorischen Antisemitismus.
Das ist die “Wahnsinnsthese” (Goldhagen), die die internationale Holocaust-Forschung zuerst zu ignorieren versuchte (schließlich war es nicht mehr als eine Dissertation), um sie dann, nach ihrem überraschenden Sensationserfolg auf dem internationalen Markt – den Finkelstein polemisch damit erklärte, dass es sich bei Goldhagens Buch um ein neues Genre, eine Art effekthascherischen “Holoporn” handle – schließlich in langen Traktaten ausführlich und unisono zurückzuweisen. Wenn Goldhagen heute in der KONKRET Gegenteiliges behauptet, dann redet er sich das selber schön.
Und nochmal: die Frage, ob am Holocaust auch gewöhnliche Menschen beteiligt waren (und eben nicht nur Deutsche, sondern z.B. auch Ukrainer und Österreicher), ist von Hilberg schon 1961 mit einem klaren Ja beantwortet worden. Wenn heute so getan wird, als wäre das die neue Erkenntnis von Goldhagen gewesen, dann kann ich ehrlich gesagt nur lachen. Vielleicht war das für das nationalistische deutsche Feuilleton eine Neuigkeit. Aber für die Holocaust-Forschung? Wohl kaum.
PS: Die Hilberg-Zitate stammen aus Die Vernichtung der europäischen Juden, Bd. 3: 1061 f. und 1071 f.
entschuldige,das sind schon zitate von wissenschafter/innen. kannste ja nachgoogeln.willste übertreiben, deutsche wissenschafter/innen reinwaschen? na, dann mach halt.
ob der shalom-text mist ist? ja klar. ob die debatte um goldhagen nationalistisch war, auch die innerwissenschaftliche? auch: na klar.
aber du schüttest eben gerne mit dem bade das kind aus. na denn.
Ja, wenn du es als Qualitätszeichen siehst, von deutschen Nationalisten angegriffen zu werden, dann war Goldhagen wenigstens zu etwas gut. Sein Ziel, die internationale Holocaust-Forschung der letzten 40 Jahre zu entsorgen, um, wie Postone und andere, nur noch vom Antisemitismus und seinen Traditionen sprechen zu können, aber z.B. die Ermordung der Behinderten und der Roma außen vor zu lassen, die sich doch im Zuge desselben bürokratisch-industriellen Vernichtungsprozesses ereignete, hat er dabei freilich verfehlt. Die Nazis haben einen viel umfassenderen Rassismus vertreten als “nur” den gegen die Juden, weshalb die Antisemitismusforschung nun einmal kein tragfähiges Paradigma für die Rekonstruktion des Holocaust liefert. Das ist der Fehler von Goldhagen, und wenn der GSP ihm unbedingt dabei folgen will, sei’s drum!
ne, ich schütt’ ja keine kinder mit dem bade aus. du bist es, der hier so simpel unterwegs ist. zB:
diese aussage ist zB nicht haltbar, weil es diese töne eben schon gab – nicht alle wissenschafter/innen haben so reagiert, aber eben schon einige.
gut vs. böse. das ist deines, nicht meines.
OK, die Kritik kann ich annehmen. In dieser Hinsicht hab ich aus Unkenntnis offenbar einen Fehler gemacht.
nochmal, damit ich auch wirklich verstanden werde: ich behaupte gar nicht, dass goldhagens thesen richtig seien. ich sage lediglich: in der innerwiss. auseinandersetzungen fanden sich sehr wohl antisemitische und nationalistische töne – und zwar nicht wenige.
aber du kannst sowas ja nicht auseinanderhalten. alleine meine feststellung reicht dir aus, um mich als goldhagen-anhängerin wahrzunehmen. qed
soll ich alle 14 seiten des gsp-beitrags reinstellen? du wärst erstaunt: auch die redakteure unterscheiden zw. goldhagens thesen und der reaktion darauf (Der Stein des Anstoßes – Ein paar richtige Argumente gegen die Fragestellung der etablierten Faschismusforschung, ein absurder Nachweis und eine falsche Erklärung des Holocaust)! huh!
Zum Quellenmaterial des GS-Artikels (4-1996)
Ich denke mal, ihr seid ein wenig vom Thema weg. Thema war der Arbeitskreis “Philosemitismus ist ne geile Sache” der Linkspartei und deren Aufruf, Selbsthassern auf die Mappe zu hauen. Ohne jegliche Kenntnisnahme der Fakten schreien die nach Zensur, anstatt sich mal der Diskussion zu stellen. Aber wie denn auch, wenn selbst Zionisten wie Goldstone die Fakten nicht mehr schönreden könen. Da geht nur ein: Protestieren und verhindern. Was nicht sein darf, das ist einfach nicht. Wir machen uns die Welt, wiedewiedewie sie sie uns gefäääähääält.
Nach Club Voltaire in Frankfurt und B5 in HH scheint das eine nette Angelegenheit zu werden. Mal sehen, ob wir uns aus Süddeutschland auch mal nach Berlin bewegen, um uns das Spektakel anzuschauen.
Und ob der GSP im Falle des “deutschen Kollektivs” so die richtige Erklärung drauf hat, ist dann auch noch mal eine andere Frage.
Leute, die sich auflösen, weil der Geheimdienst der BRD angeblich ein paar Arbeitslose produzierte bzw. produzieren KÖNNTE, wollen im Falle einer komplett vernicheteten Arbeiterbewegung sagen: die Deutschen. Da kann ich nur sagen: Fuck you! Heuchler und Opportunisten. Sich einscheissen, wenn man mal plötzlich Arbeitslosenhilfe oder Arbeitslosengeld bekommen sollte, aber von Sozis und Kommis verlangen, dass sie in den sicheren Tod gehen.
je vous salue sarajevo
lak shalom und dergleichen und deren “kritik” des antisemitismus geschenkt (wobei ich hier und da doch etwas behalten wollte). diese hetze gegen finkelstein und andere (kritiker israelischer politik) ist ziemlich furchtbar.
grundsätzlich will ich damit übereinstimmen, dass aspekte des holocaust zu wenig beachtung finden. ich bin alles andere als ein experte, also aber die frage: machten holocaust studies mit blickpunkt shoah nicht ebenso sinn, wie antiziganismusforschung mit blickpunkt porajmos? ich denke, die gründe für die vernichtung haben gewiss parallelen als auch differenzen. wenn die vernichtung der europäischen roma hieß, vernichtung von arbeitslosen, heimat(vaterlands)losen, stinkenden gesindel, dann die vernichtung der europäischen juden, vernichtung von volkszersetzenden, mächtigen, asozialen kapitalisten – ?
das antisemitismus als ähnlicher prozess auch andere gruppen bedrohen kann, das hast du ja anhand der zitation kritischer theorie schon unterstrichen.
Siehe auch: Raul Hilberg, “The Goldhagen Phenomenon“
Ganz interessant an der Porajmos ist, dass er ja durchaus geleugnet wird. Beispielhaft ist hier eines der “Standardwerke” zur Verfolgung der Roma/Sinti/”Zigeuner”: “Rückkehr unerwünscht” von Guenther Levy. Dieser ist der Ansicht, dass es gar keine geplante Vernichtung der Zigeuner gab. Vor allem wurden Mischlinge ermordet, “reine Zigeuner” waren viel weniger betroffen. Ich weiß nicht, in wie weit man den Thesen dieses Buchs zustimmen kann. Ich habe nur dieses eine dazu gelesen. Was aber gleich auffiel, als ich es durch hatte: eine Gleichsetzung mit der Shoah wird verneint. Es gab keine geplante Massenvernichtung der Zigeuner, sondern das kam durch Druck von unten zustande. Inwiefern sich der Autor da selbst ins Knie schiesst, wenn man die These dagegen hält: Zigeunervernichtung kam also vom Volk, Judenvernichtung von der Führung, kann ich nicht sagen. Jedenfalls war offensichtlich, dass Levy vermeiden wollte, Juden und Zigeuner gleichzusetzen. Weil: sonst müssten beide ja gleiche Rechte (Homeland) einfordern können. usw usf.
Ach ja: Die RLS hat die Veranstaltung abgesagt. Sie sind eingeknickt.
gibt’s den text nicht auch woanders? doch: http://www.jstor.org/stable/1344046?cookieSet=1
den auschwitz-bericht von vho schon gelesen?
gehst du jetzt gefälligst in den tod, du sozi! zeit wird’s!
kasperle.
oops, sorry, ich hatte den text ergooglet und gar nicht geguckt, was das für eine website ist. link ausgetauscht. aber da sieht man mal, wie schnell das geht, dass sich irgendwelche holocaust-leugner auf einen beziehen – wenn das sogar raul hilberg, dem führenden holocaust-forscher, mit einem text über goldhagen passiert. es gibt einfach keine möglichkeit, sich komplett dagegen zu feien, dass die kaputten hirnwindungen von nazis in allem und jedem nach anknüpfungspunkten für ihr menschenverachtendes weltbild suchen, und sei es ihnen, der ganzen sache nach, auch noch so entgegengesetzt.
jo, die schlachten alles aus. wollte nur drauf hinweisen. allerdings geht der jstor link jetzt nicht mehr, ka wieso (vllt wieder dieses uni-rechner-ding?). vllt doch der alte link mit anmerkung?
für die umstände möchte ich um entschuldigung bitten.
das mit der veranstaltungsabsage ist ärgerlich – auch wenn man nicht einer meinung ist: dann geht man halt hin und sagt da argumente dagegen.
sowieso: was auch, ums jetzt mal niederzuschreiben, ekelhaft ist, ist dieses ständige ausgemeinden kritischer jüd/innen. bei langer war’s ja auch so. wer ein “(guter) jude” ist, bestimmen die deutschen philosemit/innen.
Die Leute werden ja noch so schlau sein, dass sie es fertig bringen, “Hilberg: The Goldhagen Phenomenon” in das Google-Suchformular einzusetzen. Und es lohnt sich wirklich! Grandioser Text.
Anmerkung: Jstor ist nur von Uninetzwerken bzw. anderen registrierten Accounts erreichbar. Mensch *könnte* natürlich das PDF downloaden und wo anders hochladen. Wäre halt illegal.
Dass die Veranstaltung abgesagt wurde ist wirklich ärgerlich
@pixel: ich werde morgen mal schauen … war da schon wieder “draußen”.
Die Jagd auf jüdische Kritiker hat ja Tradition:
- Hetze gegen die Bundesverdienstkreuzvergabe an Felicia Langer
- Überfall auf den Club Voltaire, wo Elias Davidsson sprechen wollte (Oktober?)
- Die Stadt München versagt Ilan Pappe am Ende letzten Jahres die Räumlichkeit (November?)
- Finkelstein: zwei Absagen in Berlin
und so weiter…(ganz abgesehen von der Dauerhetze gegen den Zionisten Goldstone und andere israelische Historiker). Man muss da ja nicht zustimmen. Soll man halt gegen argumentieren. Ich höre aber nur Gegenkritik in der Form des ewigen Schreiens: “Antisemit!” Sonst nichts. Aber gleichzeitig sind das doch genau diejenigen, die so sichtlich empört über die Vorfälle in HH waren. “Antisemitische Zensur”. Aha. Aha…
Auch sehr witzig: Junge Welt
http://www.jungewelt.de/2010/02-19/057.php
Finkelstein-Vortrag auf Druck von honestly concerned hin abgesagt. Ähnliches geschah in Wien auf Druck von “Scholars for Peace in the Middle East”. Eigentlich ein Fall für Broder! Hurra wir kapitulieren
Norman Finkelstein und die »Jüdische Stimme« erhalten politisches Asyl. Die Gaza-Veranstaltung findet statt am Freitag, dem 26. Februar, 19 Uhr, in der junge-Welt-Ladengalerie, Torstr. 6, Berlin-Mitte
Das wäre dann auch mein Vorschlag an die Junge Welt gewesen. Schön, dass die da von selbst drauf gekommen sind. Ich fahre dann mal zum TÜV, will ja heile nach Berlin kommen nächste Woche.
Da würde ich mich an deiner Stelle nicht zu früh freuen. Die Ladengalerie fasst, soviel ich weiß, kaum mehr als 50 Leute. Finkelstein spricht für gewöhnlich vor Hunderten. Da werden die meisten gar nicht reinkommen.
PS: Hier noch ein Link zu einem in seiner Polemik äußerst amüsanten Text Finkelsteins über den Missbrauch von “Antisemitismus als politische Waffe” mit dem Ziel, jede aufkeimende Kritik an der Unterdrückung der Palästinenser als pures antijüdisches Ressentiment darzustellen. Nichts anderes widerfährt ihm ja zurzeit auch selbst. Fand ich sehr lesenswert.
Unter dem Titel “Kuschen vor Kriegstreibern” dokumentiert die junge Welt Stellungnahmen zur Absage von Finkelsteins Vortragsreihe in Deutschland.
Diesen Kommentar bei AKA fand ich ganz interessant – ohne dass die BAK-Shalom Erklärung dadurch besser würde:
Ich habe ein Interview mit Finkelstein gefunden (doc), das er gab nachdem eine Veranstaltung von ihm in Wien verlegt wurde. Meine Einchätzung, von dem her was er sagt: Er spielt alles, was ihm einfällt, gegen Israel aus. Dieses dauernde aufgerechne ist dabei schwer erträglich, und auch falsch:
Also: weil es irgendwo auch schlimm ist, interessieren Österreichiche Nazis (wer sonst macht so was?) nicht mehr – Auf so was kommt, wer das Gedenken an die Shoa ablehnt, weil es irgendwie dem Hauptfeind Israel nützen könnte. Mit so einer Logik produzierst du gut Polemiken, aber keine brauchbare Analyse.
Was er sagt passt sehr gut in einen antisemischen Diskurs, auch wenn er subjektiv kein Antisemit ist. Dieses dauernde Aufrechnen von allem möglichen gegen die Bedeutung der Shoa kommt allen entgegen, die sich gerne unverkrampft und positiv auf Deutschland oder den NS-Faschismus beziehen wollen.
Und: klar, ich hab jetzt nur ein Interview gelesen, dass unter dem Eindruck der verlegten Veranstaltung entstanden ist – eine dünne Basis. Aber wenn wir eine Diskussion über den wollen, müssen wir ja irgendwo anfangen.
Warum sollten wir eine Diskussion über Finkelstein wollen? Weil es wichtig ist, wie du diese Person bewertest? Warum nicht eine Diskussion über Kolonialismus und Krieg? Diese ganzen Ad-hominem-Attacken dienen doch einzig dem Zweck, das Thema von der Sache weg auf irgendwelche völlig irrelevanten Nebengleise zu verschieben.
Darüber kann man dann schon mal ganz übersehen, dass BAK Shalom alternativ eine Gestalt wie Alan Dershowitz bewirbt – also jemanden, der sich als Jura-Professor dafür einsetzt, im Völkerrecht solche Schweinereien wie Folter und Kollektivbestrafungen zu legalisieren. Zitat aus einem seiner Artikel für die rechtskonservative Jerusalem Post:
Nun, erinnern wir uns recht: das sind die Methoden des Nazi-Partisanenkriegs. In Beyond Chutzpah (dt. “Antisemitismus als politische Waffe”) kommentiert Norman Finkelstein das recht treffend: “it is hard to make out any difference between the policy Dershowitz advocates and the Nazi destruction of Lidice”.
Der Unterschied zwischen Finkelstein und Dershowitz? Ersterer gilt hierzulande als Unperson, obwohl (oder gerade weil) er nichts als die Prinzipien des humanitären Völkerrechts, sprich: die vielgerühmten zivilisatorischen Mindeststandards verteidigt. Dershowitz dagegen ist der Liebling von philosemitischen Täter-Enkeln wie denen, die sich im BAK Shalom zusammengefunden haben, und erhält für sein Märchenbuch “Plädoyer für Israel” ein begeistertes Vorwort von Henryk M. Broder, obwohl (oder gerade weil) er Methoden im Umgang mit den Palästinensern propagiert, für die so mancher Kriegsverbrecher schon gehängt wurde.
Zugegeben, Finkelsteins Rhetorik ist manchmal etwas schrill, vor allem was die permanenten Nazi-Vergleiche angeht (das ist eben das Trauma seines Elternhauses). Aber vergleich doch mal seinen Inhalt mit dem von Leuten wie Alan Dershowitz und Alex Feuerherdt, die alternativ von seinen Kritikern beworben werden! Und dann sag mir noch mal ins Gesicht, dass ihr Protest gegen Finkelstein so etwas wie eine moralische Berechtigung besaß. Lächerlich!
Na ja, du hast mit dem persönlichem Lob für Finkelstein und den positiven Bezügen bei Hilberg angefangen – anstatt über Rassismus und Krieg zu reden. Und eine ad-hominm Attacke würde auf die Person zielen, nicht auf die Logik mit der er arbeitet.
Ich fand an dem hier reingestelltem Comment einfach interessant, das Finkelstein nicht zufällig auch von Rechten gutgefunden wird, sondern mit seiner spezifischen Logik auch was dafür tut. Das ist kein irrelevantes Nebengleis in der jetzt geführten Dikussion.
Bezeichnend finde ich übrigens, dass der BAK Shalom nicht so gut ausargumentieren kann, was ihnen an Finkelstein nicht passt, so das ausser persönlicher Hetze nichts übrigbleibt.
p.s. der Unterschied zwischen Lidice, Komeno, Kephallonia, … und dam was Dershovitz vorhat ist der zwischen Häusern einreissen und Leute massakrieren. Die Gemeinsamkeit hast du ja schon, rihtig, benannt. Aber wieso ist das kein irrelevantes Nebengleis?
vielleicht es gar nicht so verkehrt, darauf hinzuweisen, dass es eine sache ist, leute mit softguns zu attackieren, und eine andere, dies mit echten schusswaffen zu tun, wie das vielerorts geschieht…
übrigens, man kann sich ausrechnen, was nach dershovitz mit jenen geschehen soll, die ihre häuser nicht verlassen können oder wollen
@ verlinkender Arbeiter:
Ich bin kein Antifa, dem solche Argumente sonderlich imponieren. Zwar halte ich es für gut und richtig, Nazis aufs Maul zu hauen, wo immer man sie trifft. Dabei geht es allerdings um die Erfordernis, ihren Straßenterror gegen Linke und Migranten zu beenden, und nicht um eine inhaltliche Auseinandersetzung, die mir angesichts des ideologischen Fringe-Group-Charakters dieser Gestalten im Grunde völlig überflüssig erscheint.
Im Falle BAK Shaloms haben wir es dagegen mit einer zwar geschickten, aber doch irgendwie auch leicht zu durchschauenden Instrumentalisierung von Borderline-Nazis wie David Duke zu tun, die als Bogey-Männer benutzt werden, um jede mögliche Kritik an Israels Besatzungspolitik moralisch zu delegitimieren und in die Nähe der Faschisten zu rücken. Denn natürlich greifen die alles auf, was sie zur Rechtfertigung ihres Antisemitismus in die Finger kriegen können, selbst wenn das mit ihrem Scheiß gar nicht zusammenpasst.
Aber welche gesellschaftliche Relevanz hat das und soll das wirklich bedeuten, dass man sich von solchen Schweinen künftig die Argumente diktieren lässt? Soll ich den Kapitalismus nicht mehr kritisieren, bloß weil sich seit einiger Zeit auch Nazis eine antikapitalistische “Systemkritik” auf die Fahnen schreiben – obgleich die mit meiner nicht viel zu tun hat? Ist die US-Kriegspolitik jetzt tabu und müssen wir jede Form postkolonialer Kritik künftig unter Generalverdacht stellen, nur weil sich Neonazi-Legastheniker über den “Yankee-Kulturimperialismus” beklagen? Bitte, das ist doch absurd!
Um ehrlich zu sein, halte ich es da lieber mit Yoav Shamir, der aufgrund seines Dokumentarfilms “Checkpoints” von israelischen Rechten bereits mit dem antisemitischen Filmregisseur Mel Gibson verglichen wurde und auf die angebliche Gefahr der “Benutzung” seines Werks durch passionierte Judenhasser trocken erwidert:
Da auf Indymedia zensiert und der/die BAK Shalom es ‘denen’ gleich tut, meine Kritik, die aus der Goldhagen-Debatte der 1997ern herrührt an ‘christliche Antifaschisten’, die den Wesenszug der Kritik am eigenen Sozialisationsprojekt-(ill) abzurufen nicht gewahr werden und diese entsprechend zu formulieren. Es kann nicht sein das jetzt eine, in Hamburg betrifft das Anti-Spezisisten der TAN innerhalb der B 5, und jetzt Berlin es schaudert das der Begriff des ‘Queer/Quer’ nunmal assimilatorische ausformulierungen betrifft und dies im Kontext des Gedenkens der von Finkelstein kritisierten BRD Polemik alljährlich ein kapitalistisch-ästhetisches Argument dienen tut, dem des Ausgrenzens -ohne- Bezug auf Preise und Schulden.
Es ist natürlich absurd, die Politik Israels nicht mehr zu kritisieren, nur weil das Rechte auch tun. Es ist aber exakt die gleiche Absurdität, irgendeinen Scheiss wie den in dem oben verlinkten Interview einfach so stehen zu lassen, nur weil antideutsche auch ein (anderes) Problem damit haben.
Aber diese Absurdität ziehst du gerade ziemlich konsequent durch, anstatt zu sehen wer hier was vertritt,wo die Differenzen sind, und wo nicht.
Willst du Battle, musst du dich verrennen, brauchst du Fronten.
Mein Gott, es nimmt dir doch keiner das Recht, Finkelstein zu kritisieren. Und selbst wenn sich in diesem Interview total verkorkste Sätze finden – wie ziehst du daraus die Berechtigung, Finkelstein das Reden über ein Thema zu untersagen, das damit überhaupt nichts zu tun hat? Damit machst du doch genau das, was du Finkelstein angeblich vorwirfst: du ordnest das Leiden der Palästinenser, über das er referieren will, der deutsch-österreichischen Erinnerungspolitik unter.
Außerdem scheinst du nicht ganz zu begreifen, dass Finkelstein vermutlich für den Rest seiner irdischen Existenz damit beschäftigt sein wird, das Trauma seiner Eltern zu verarbeiten, den Massenmord an den Juden nur knapp und mit furchtbaren Erinnerungen überlebt zu haben, und du wirklich nicht in der Position bist, ihm irgendwelche Vorschriften zu machen, wie er damit umzugehen hat. Finkelstein wendet es in den Kampf gegen die Erniedrigung und Entrechtung der Palästinenser, weil er sieht, wie die Leichen seiner Eltern förmlich aus dem Grab gezerrt und dazu missbraucht werden, diese Entrechtung zu legitimieren.
Das ist es, was ihn empört; das ist die Art von “Gedächtnispolitik”, die ihn ankotzt, und nicht zuletzt auch der Grund, warum philosemitische Täterenkel heute gegen ihn demonstrieren: diese haben nicht vor, sich von ihm das Recht streitig machen zu lassen, über die Erinnerung seiner Eltern nach Belieben zu verfügen, wohingegen er es als Schändung ihres Andenkens empfindet, es in der Art und Weise zu gebrauchen, dass daraus eine politische Rechtfertigung für Kriegsverbrechen und neokoloniale Eroberungspolitik wird.
Ich kann Finkelstein in dem, was er sagt, ganz gut begreifen, auch wenn ich wie Hilberg seinen provokativen Stil – also den Ton, in dem er diese Kritik in der Vergangenheit geäußert hat – für falsch, bedenklich und, im Hinblick auf seine Instrumentalisierbarkeit durch die deutsche Rechte, zuweilen auch nicht ganz ungefährlich halte. Das kann man an dem Interview sicher zeigen, obwohl dir das selbst leider nicht gelungen ist.
Das hat aber nichts mit dem Thema seines Vortrags in der Rosa-Luxemburg-Stiftung und nichts mit der Motivation des BAK Shalom zu tun, diesen Vortrag zu verhindern. Diese Motive sind in meinen Augen viel sinistrer, als es die von Finkelstein je sein könnten: es geht dem Arbeitskreis um eine Instrumentalisierung des Holocaust-Gedenkens, um in der Linkspartei Unterstützung für die israelische Besatzungspolitik einzuwerben – also genau das, wogegen Finkelstein seit 20 Jahren anrennt.
Habe gerade den Beitrag des Duisburgers Instituts zur Sprachforschung (DISS) von 2001 gelesen, und es erstaunt wirklich, wie es Rechtsradikale/-extreme und andere Dissidenten es verstehen das Hauptwerk von Finkelstein zu vereinnahmen und es dann in ihrem Grütz re-formulieren.
http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,151,5.html
Naja, dass das sein Hauptwerk wäre, halte ich für an den Haaren herbeigezogen. Es ist nur dasjenige, das am meisten Aufmerksamkeit erregt hat.
Ich hab’s nicht gelesen, aber danach zu urteilen, was ich davon hörte, hat er mit dem Stil, in dem es geschrieben ist, sich und seiner Sache wirklich einen Bärendienst erwiesen.
Ich fänd’s besser, man könnte über Finkelsteins Analyse des Nahost-Konflikts reden, ohne dass dieses Buch ständig dazwischenfunkt – dessen Thesen mich ehrlich gesagt nicht im Mindesten interessieren.