Am 26. Februar soll der amerikanische Politikwissenschaftler Norman Finkelstein, unter anderem auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost, in Berlin einen Vortrag halten, der den etwas sperrigen Titel trägt: „Ein Jahr nach dem Überfall der israelischen Armee auf Gaza – die Verantwortung der deutschen Regierung an der fortgesetzten Aushungerung der palästinensischen Bevölkerung“. Vermutlich wird der Vortrag vor allem eine Collage seines neuen Buches ‚This Time We Went Too Far‘ sein, über dessen Grundthesen man sich in zahlreichen Youtube-Videos informieren kann.

Indessen hat der Landesarbeitskreis (LAK) „Shalom“, der sich vor wenigen Jahren gründete, um die Linkspartei auf einen stramm proisraelischen Kurs einzuschwören, im Verbund mit anderen Gruppen zu einer Kundgebung aufgerufen, um unter dem Motto „Was zu viel ist, ist zu viel“ aus diesem Vortrags- und Diskussionsabend, der nunmehr sogar in den Räumen der eigenen Parteistiftung stattfinden soll, eine Art öffentlichen Skandal zu zaubern.

Sich mit eigener Substanz an der Diskussion zu beteiligen ist die Sache des LAK Shalom aber offenbar nicht, denn statt auch nur mit einem Wort auf die inhaltliche Kritik von Finkelstein an Israels Kriegs- und Blockadepolitik einzugehen, hat man lieber eine Schlammschlacht gegen ihn entfesselt, die ihn als Redner persönlich disqualifizieren soll. Dass seine Bücher Zuspruch vor allem von Borderline-Nazis wie David Duke erhielten, ist dabei noch einer der harmlosesten Vorwürfe. Wie allerdings erklärt sich der LAK Shalom, dass sich unter seinen Fürsprechern neben zahlreichen israelischen und amerikanischen Linken (den üblichen Verdächtigen, die in den Augen dieser Pressure Group vermutlich bereits ins „Antisemitenlager“ zählen) auch Raul Hilberg und Avi Shlaim finden?

Mag sein, dass Shlaim als einer von Israels renommierten „neuen Historikern“ bei diesen Leuten ebenfalls keinen besonders guten Ruf genießt, aber Hilberg ist immerhin Autor des dreibändigen Standardwerks über die deutsche Judenvernichtung und galt bis zu seinem Tod im Jahr 2007 als der Nestor der internationalen Holocaust-Forschung. Dass beide Finkelstein ausgerechnet in dem Moment zu Hilfe eilten, als die Attacken gegen ihn gerade ihren Siedepunkt erreichten, zeigt zudem, dass sie dies im vollen Bewusstsein auch der umstritteneren Aspekte seines Werks taten, sei es, weil sie diese für nicht so gravierend hielten oder ihnen sogar offen zustimmten – wie anscheinend Hilberg, der Finkelstein für seinen „akademischen Mut“ lobte, „die Wahrheit zu sagen, wenn niemand anderes da draußen ist, ihn zu unterstützen“.

Hat sich Hilberg, wie der LAK Shalom kolportiert, öffentlich hinter einen „Geschichtsrevisionisten“ gestellt? Wohl kaum. In der berühmten Goldhagen-Debatte war es nicht dieser, sondern Finkelstein, der den Konsensus der internationalen Holocaust-Forschung gegen einen „Revisionisten“ verteidigte. „Revisionist“ (das Wort bezeichnet für gewöhnlich Holocaust-Leugner und ist hier kaum angemessen) war Goldhagen insofern, als er den Holocaust monokausal auf eine spezifisch deutsche Tradition, den sog. eliminatorischen Antisemitismus, zurückführen wollte, während etablierte Historiker darauf beharrten, dass der Antisemitismus, erstens, nur einer von mehreren Faktoren war, die den Holocaust erklären, und, zweitens, die Judenfeindschaft in der deutschen Bevölkerung sich überhaupt nicht grundlegend von der in anderen Ländern unterschied.

Zoff löste denn auch nur die von Finkelstein selbst als unwissenschaftlich gekennzeichnete polemische Nachbemerkung aus, in der er frei heraus über Goldhagens zionistische Motive spekulierte: Wenn der Holocaust, entgegen allen bisherigen wissenschaftlichen Annahmen, in seinen Ursachen allein der Tradition des Antisemitismus zugeschlagen werden könnte – eine Tradition, die hier gleichsam kontextlos für sich steht -, so sei daraus viel eher eine Rechtfertigung des jüdischen Nationalismus abzuleiten, als wenn man auch andere Faktoren in Rechnung stelle, um aus dem deutschen „Verwaltungsmassenmord“ (Hannah Arendt) an Juden und Roma z.B. eine Kritik des modernen Rassismus, des völkischen Nationalismus oder der „instrumentellen Vernunft“ (Horkheimer) im organisierten Kapitalismus zu entwickeln.

Hier stehen sich, wie Zygmunt Bauman in seinem Buch Dialektik der Ordnung ausführt, zwei grundsätzlich verschiedene Paradigmata gegenüber: Die einen interpretieren den Holocaust vor allem als Ereignis in der Leidensgeschichte des jüdischen Volks und Kulminationspunkt eines Jahrtausende alten Judenhasses – für Finkelstein der Fokus der sog. Holocaust-Literatur, die er von seriöser Geschichtswissenschaft in der Tradition Hilbergs abzugrenzen versucht und als deren neuen Prototypen er Daniel J. Goldhagen begreift. Die anderen dagegen bemühen sich um eine kritische Bestandsaufnahme der Epoche, die Auschwitz hervorbrachte. Für sie hatte die historische Wahl des Vernichtungsobjekts im Grunde einen akzidentellen Charakter, weil – in den Worten Horkheimers und Adornos – „die Eigenart, um derentwillen die Opfer erschlagen werden,“ in der total integrierten Gesellschaft „selber längst weggewischt“ sei:

Die Menschen, die als Juden unters Dekret fallen, müssen durch umständliche Fragebogen erst eruiert werden, nachdem unter dem nivellierenden Druck der spätindustriellen Gesellschaft die feindlichen Religionen, die einst den Unterschied konstituierten, durch erfolgreiche Assimilation bereits in bloße Kulturgüter umgearbeitet worden sind.

Zu diesem Schluss gelangen die Autoren nun ausgerechnet in einem Text, der sich den für den Genozid als konstitutiv erachteten „Elementen des Antisemitismus“ widmet. Tatsächlich aber würden die Juden „zu einer Zeit ermordet, da die Führer die antisemitische Planke so leicht ersetzen könnten, wie die Gefolgschaften von einer Stätte der durchrationalisierten Produktion in eine andere überzuführen sind“. – „Und wie die Opfer untereinander auswechselbar sind, je nach der Konstellation: Vagabunden, Juden, Protestanten, Katholiken, kann jedes von ihnen anstelle der Mörder treten, in derselben blinden Lust des Totschlags, sobald es als die Norm sich mächtig fühlt.“

Finkelstein trägt, und das macht ihn so verhasst, die These, dass die Kritik des Antisemitismus nicht den Kern dessen repräsentiere, was aus dem Holocaust zu lernen sei, mit einer starken polemischen Spitze gegen den Zionismus vor, obwohl er die Existenz Israels deshalb noch lange nicht in Frage stellt. Er ist nicht einmal Anhänger der von vielen amerikanischen Linken favorisierten Ein-Staaten-Lösung, sondern hält sich an den internationalen Konsensus auch in der Frage des Völkerrechts, das Israel – unabhängig von der üblichen moralischen Begründung seiner Existenz durch Verweis auf den weltweiten Antisemitismus – das Recht zusichert, „innerhalb sicherer und anerkannter Grenzen frei von Drohungen und Akten der Gewalt in Frieden zu leben“.

Der LAK Shalom aber hält diese Position für „extrem“. Doch an Finkelsteins Kritik der israelischen Kriegs- und Besatzungspolitik ist nichts extrem: Sie orientiert sich an den einstimmigen Entscheidungen des Internationalen Gerichtshofs über die Illegalität der israelischen Siedlungen, der jedes Jahr mit überwältigender Mehrheit verabschiedeten UNO-Resolution über die friedliche und gerechte Beilegung des Nahost-Konflikts und den bis ins kleinste Detail übereinstimmenden Berichten der großen Menschenrechtsorganisationen über die Lage der Palästinenser. Wenn überhaupt, dann ist der Ausdruck „extrem“ wohl eher auf die Aussagen politischer Verbündeter des LAK Shalom wie den Journalisten Alex Feuerherdt zu applizieren, der in jüngster Zeit dazu übergegangen ist, die koloniale Siedlungspolitik Israels in den besetzten palästinensischen Gebieten öffentlich zu legitimieren.

Und in gewisser Weise finde ich es auch „extrem“, wie der LAK Shalom mit der Tatsache umgeht, dass Finkelstein Sohn zweier Überlebender des Warschauer Ghettos, des Vernichtungslagers Majdanek (im Falle der Mutter) und des Auschwitz-Todesmarsches ist (das Schicksal seines Vaters). Niemand hat behauptet, dass das ein Argument für seine politischen Positionen sei. Aber aus diesem Faktum ein so genanntes zu machen, indem man schreibt, dass er sich als Sohn von Holocaust-Überlebenden „bezeichnet“ (um damit zu implizieren, dass er es womöglich gar nicht ist), stellt sich mir in seiner Form – als persönlicher Angriff auf die biographische Integrität von Maryla und Zacharias Finkelstein, die der LAK Shalom damit ja implizit der Lüge verdächtigt – als so abgeschmackt dar, dass ich den Schluss meines Beitrags vor allem der Wiederherstellung ihres Andenkens widmen möchte.

Von Maryla Husyt Finkelstein sind zahlreiche Tonbandaufnahmen überliefert (hier ein Ausschnitt), in denen sie von ihrer Leidensgeschichte erzählt – nicht zuletzt in der Absicht, eine junge Generation politisch aufzurütteln, um gegen Krieg, Entrechtung und Rassismus in all ihren Gestalten zu protestieren. In seiner Biographie Haunted House schildert Norman Finkelstein den lebenslangen Eindruck, den sie damit auch auf ihren Sohn machte – ob zum Guten oder Schlechten, sei einmal dem Urteil des Lesers anheimgestellt. Mit der folgenden Übersetzung will ich davon zumindest eine leise Idee geben.

Jeden Abend, wenn wir die Nachrichten im Fernseher sahen, wendete meine Mutter ihre Augen ab und hob die Hand, um den Bildschirm zu verdecken, sobald Szenen aus Vietnam darüber hinweg flimmerten. Nach wenigen Augenblicken kam dann immer die Frage: „Ist es schon vorbei?“ Obwohl sie überhaupt keinen Hang zur Selbstdarstellung hatte, konnte sie die Szenen von Zerstörung und Tod einfach nicht ertragen. Während die meisten meiner Freunde und ihrer Eltern sich am Ende gegen den Vietnam-Krieg stellten, tönte die moralische Dringlichkeit, sich zu widersetzen, in meinem Elternhaus doch mit einer völlig anderen Dezibelzahl. Der Krieg war nicht ein Gegenstand intellektueller oder politischer Auseinandersetzungen oder sogar vehementen Streits. Das ganze Wesen meiner Mutter revoltierte dagegen. Ich würde nicht sagen, dass sie emotional angesichts des Krieges war; sie war hysterisch. Obschon über die Fakten gut unterrichtet, verabscheute sie jede Form seiner Intellektualisierung. Selbst die Beteiligung an einer Debatte über Vietnam stellte eine moralische Travestie dar. Denn es bekundete einen Mangel an wirklicher Empörung über und Verständnis des sich offenbarenden Horrors: niemand, der tatsächlich den Krieg miterlebt hatte, konnte oder würde ihn still diskutieren. Aus ähnlichen Gründen verachtete sie meine Entscheidung, dem Debattierklub der High School beizutreten. Die Kunst der Debatte war es, mit gleicher Leidenschaft und Fertigkeit für beide Seiten einer gegebenen Frage zu argumentieren. In ihren Augen nährte dies die Doppelzüngigkeit, die amoralische Manipulation von Worten.

Oft rief meine Mutter aus, dass die Vereinigten Staaten „schlimmer als Hitler“ wären. Zugegebenermaßen waren in meinem Elternhaus viele Dinge „schlimmer als Hitler“, gelegentlich sogar meine Geschwister und ich, oder „schlimmer als Auschwitz“, einschließlich das Essen meiner Mutter. Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter den Vergleich zwischen den USA und Hitler wörtlich meinte oder ob sie überzog, um anderen die Größe des Verbrechens, das der Vietnamkrieg darstellte, zu vermitteln. Da ich die Entrüstung meiner Mutter verinnerlicht hatte, war ich beinahe nicht mehr zu ertragen, wann immer die Rede auf Vietnam fiel. Ich erinnere mich noch an den Schock und Ekel, nachdem ich an meiner High School die Klasse im Volkswirtschaftskurs dazu gezwungen hatte, sich Passagen aus einem Buch anzuhören, das die US-Gräuel in Vietnam mit drastischen Bildern beschrieb, und niemand außer mir davon physisch ergriffen war. Bis heute erschaudere ich im Gedanken an den Augenblick, als ich am College bei einem Teach-in über den Krieg öffentlich zusammenbrach. Im Rückblick bedauere ich meine selbstgerechte Pose, aber, falls das irgendeine Entschuldigung ist: der Krieg berührte mich wirklich tief. Ich konnte nicht verstehen, wie Menschen das Blutbad abspalten und mit ihrem Business-as-usual weitermachen konnten: in diesem Augenblick, dachte ich, werden Vietnamesen ermordet. Erst viele Jahre später lernte ich, nachdem ich Noam Chomsky gelesen hatte, dass es möglich war, große wissenschaftliche Strenge mit beißender moralischer Empörung zu vereinen; dass ein intelligentes Argument nicht notwendig ein intellektualisierendes war.