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Über die Produktion rassistischer Erfahrung. Das Beispiel Siegessäule

Montag, Juni 18th, 2007

Paragraph 175, die Schmach des JahrhundertsVor etwa einem Monat hat Maneo, das für seinen penetranten Rassismus bekannte schwule Überfalltelefon, zum „Tag gegen Homophobie“ am 17. 5. eine öffentlichkeitswirksame Kiss-In-Aktion veranstaltet. Kurioserweise stellte es das Datum nicht mehr, wie früher in der Schwulenbewegung allgemein üblich, in ein symbolisches Verhältnis zum § 175, dem berüchtigten deutschen Anti-Homosexuellen-Gesetz, das vier Systeme überdauerte und über Hunderttausend Menschen ins Gefängnis brachte oder in den Selbstmord trieb. Nein, das Datum soll jetzt an etwas Positiveres erinnern: die Streichung von Homosexualität aus der „International Classification of Diseases“ (ICD) — dem Krankheitskatalog der WHO.

Dass dies gerade am 17. Mai 1990 passierte — als ob’s ein Zufall wäre! —, zeigt, dass die Bedeutung des 175ers, mit dem nicht nur Adenauer, sondern auch die Nazis operierten, international höher angesetzt wird als am Ort des Verbrechens selbst: in Deutschland, das die härteste Homosexuellenverfolgung des 20. Jahrhunderts, ja der Geschichte überhaupt zu verbuchen hat. Hierzulande wird man nicht gern daran erinnert, dass einmal — und es ist nicht lange her — Staat und Volksgemeinschaft so einmütig gegen Schwule standen, dass der Paragraph im Jahr 1969 nur gegen den Willen der Mehrheit aus seiner Nazi-Fassung entschärft werden konnte. Hierzulande, wo es der Denunzianten-Mob besonders schlimm trieb, möchte man das Problem lieber auf die „Ausländer“ abwälzen.

Diesem Zweck diente nicht nur die wissenschaftlich extrem unseriöse Befragung über antischwule Gewalt, die Maneo kurz vorher veröffentlicht und entsprechend kommentiert hatte. Diesem Zweck dient auch der aktuelle Siegessäule-Report von Martin Reichert über die Maneo-„Kiss-In“-Aktion in fünf Berliner Bezirken, welche vom Autor argumentlos als „problematisches Pflaster“ identifiziert werden. (mehr …)