Archive for August, 2005

Die falsche Lehre vom „Scheitern des Sozialismus“

Donnerstag, August 25th, 2005

Peter Decker widerlegt einige verbreitete Irrtümer über die historische Abwicklung der „real existierenden“ Alternative zum Kapitalismus durch ihre Macher. Auszüge: (mehr …)

Rechtsstaat und Shari‘a — wo ist der Widerspruch?

Freitag, August 19th, 2005

Noch ein Nachtrag zu meinem letzten Post, in dem ich eine Story des Morgenthau-Blogs über die Königsfamilie von Katar zitiert habe. Wie vielleicht einigen bereits aufgefallen ist, habe ich dabei den letzten Absatz weggelassen, weil ich ihn für sachlich falsch halte. Es handelt sich um einen Fehler, den ich im Folgenden ausführlich sezieren werde, weil ich denke, dass er auf der Konstruktion einer wesenhaften Differenz zwischen Shari’a und bürgerlichem Rechtsstaat beruht und diesem ein Lob ausstellt, das er so gar nicht verdient hat. Denn selbstverständlich ist die Shari’a eine rechtsstaatliche Ordnung. Unzutreffend dagegen ist die Behauptung, die der Morgenthau-Blog am Ende seiner Story in die Welt pustet: (mehr …)

Schuss in den Ofen

Montag, August 1st, 2005

Mic Holmes von den „Freunden der offenen Gesellschaft“ hat sich wieder ausgelassen, diesmal über Foucault:

Michel Foucault hatte eine einfache Erklärung für die Existenz psychischer Krankheiten: die modernen Normierungsdiskurse haben sie produziert. Übersetzt man seinen Eingeweihtenjargon in eine einfache, leicht überprüfbare These, behauptet der Meisterdenker ziemlich genau dies: Mit den ersten professionellen Klassifizierungssytemen für psychische Störungen und delinquentes Verhalten kamen diese Probleme überhaupt erst in die Welt. Punkt. Da freut sich seine Antimodernistengemeinde. Marxisten wußten immer, daß die bürgerliche Gesellschaft das Verbrechen bekämpft, das sie selbst geschaffen hat. Postmodernisten ergänzen und verallgemeinern diese Weisheit: Ohne Zivilisation kein antizivilisatorisches Verhalten. Der Mensch des Mittelalters kannte weder Depressionen noch Schizophrenie. Der Beweis: Er hatte nicht mal ein Wort dafür! (Er nannte es Offenbarung oder Dämonengeflüster!)

Da fragt man sich schon, ob dieser Mensch auch nur einmal in das hineingeschaut hat, was er hier referiert. Schließlich doziert Michel Foucault in seinem Buch Wahnsinn und Gesellschaft lang und breit über den Umgang, den man einst mit den „Narren“ pflegte. Man ließ sie vor den Stadtmauern betteln gehen, sonderte sie ab und zahlte Schiffern Geld, damit sie sie an Bord nähmen und irgendwo, weit von der Stadt entfernt, einfach aussetzten (eine Praxis, auf die dann später das literarische Phantasma des „Narrenschiffs“ aufbaute). Keine Spur der Verklärung der Vergangenheit also, keine solche der Leugnung, dass es „Verrückte“ auch vor ihrer Klassifizierung durch die moderne Psychiatrie gegeben hat. Was Foucault vielmehr interessiert, ist der Übergang der Gesellschaft vom Ausschluss zum Einschluss, d.h. der von der Vertreibung der Narren hin zum Akt des Wegsperrens, der sich in den leergefegten Leprosorien der frühen Neuzeit ereignete. Der Begriffswandel vom Narren zum „Geisteskranken“ dokumentiert diesen historischen Prozess lediglich, er bringt ihn nicht hervor, wie Mic Holmes Foucault mal so eben unterstellt.

Allerdings sind die Klassifizierungssysteme, die schließlich im 19. Jahrhundert über die Wahnsinnigen gelegt werden, auch nicht einfach bloß Benennungen einer natürlichen „Ordnung der Dinge“, die man nun entdeckt zu haben glaubt. Es sind veritable Erfindungen — nicht in dem Sinne, wie Holmes meint, dass sie den närrischen Zustand des „Patienten“ erst verursachten, sondern darin, dass sie Einteilungen vornehmen, die sich keineswegs von selbst verstehen; ja die so vage sind, dass fast jeder, dem man „heute den DSM IV-Katalog für psychische Störungen zum Durchblättern“ gäbe, sein Kreuzchen wahrscheinlich gleich an mehreren Stellen machen würde. Genau dieses Szenario ist es, das Mic Holmes durchspielt, so als wolle er — aber er bemerkt es nicht einmal! — sein negatives Urteil über Foucault im zweiten Teil sang- und klanglos dementieren. Oder wie anders soll man die psychiatrische Diagnose von Pooh dem Bär deuten, die er uns am Ende seines kurzen Ergusses präsentiert?

‘… the hero of AA Milne’s 1926 children’s classic appears to be a healthy, well-adjusted bear; but on closer and more expert examination, Pooh turns out to suffer from attention deficit/hyperactivity disorder, binge eating, and borderline cognitive functioning (‚a bear of very little brain‘), to name just a few of his infirmities.
Pooh’s friends are similarly afflicted: Rabbit fits the profile of narcissistic personality syndrome; Owl is emotionally disturbed, which renders him dyslexic; and Piglet displays classic symptoms of generalised anxiety (a diagnosis that is admittedly difficult to dispute).

So viel hat der arme Mic von seiner Sozialisation durch Bahamas und ISF dann halt doch mitgenommen: Foucault ist unbedingt abzulehnen, auch ohne seine Aussagen jemals an der Sache geprüft zu haben; und zwar schon allein deshalb weil der Franzose sich konsequent weigerte, Geschichte hegelianisch als „Forschritt im Bewusstsein der Freiheit“ zu denken, sondern lieber daran ging, eine bitterschwarze Genealogie des modernen Subjekts zu schreiben. Eine solche allerdings — und das macht die Sache für die Kritiker so schwierig —, der man gerade nicht vorwerfen kann, mit einer reaktionären Romantisierung „der“ Vormoderne im Bunde zu stehen.