Monatsarchiv für Juli 2005

böses österreich

Aus einer Presseerklärung des wissenschaftlich-humanitären komitees (whk) vom 28. 7.:

Scharf rügt das whk unterdessen die nach einem Bericht über die Hinrichtung einsetzende rassistische Hetze gegen Moslems auf dem österreichischen Schwulenportal gayboy.at. Dort finden sich mehrere Userkommentare, in denen Moslems pauschal und durchweg in sehr schlechtem Deutsch als “Moslemgsindel” und “Bestien” beleidigt werden. So schreibt beispielsweise der User “Sweetboy 23″ mit Verweis auf die beiden Bombenanschläge in London: “Und schon wieder ein Terroranschlag von diesem Moslemgsindl … Herr Bush, die Jungs da unten brauchen dringend noch ein paar Bömbchen aufm Kopf … Wenn dieses Moslemgsindl so weiter macht (Terroranschläge etc) wirds eh bald mal wieder da unten anständig krachen. Aber das nächste mal sollen die Amis die Sache gründlicher angehn. Nach dem Motto: nur ein toter Moslem ist ein guter Moslem.”

Ein anderer User mit dem Namen “heart” läßt wissen: “Überall auf der Welt wo Unheil und Mord regiert haben irgentwelche Moslems ihre Finger im Spiel … Diese Menschen wollen es einfach nicht wahrhaben das sie böse sind … Für mich sind das keine Menschen für mich sind das abartige Bestien die nur den Terrorismus wollen und auch unterstützen … Diese ‘Menschen’ (Anführungen im Original! — whk) sind einfach nur krank. Am besten wäre eine große Mauer um diese Länder zu bauen und wenn sie wollen können sie sich dann gegenseitig in die Luft bomben und vernichten, aber (sie — whk) sollen uns in Ruhe lassen.” Ein User namens “Teramann” schreibt: “Es gibt leider auch bei uns in Wien Moslems (vorwiegend Türken ) die sich untereinander richten, wegen unnötige Kleinigkeiten, das sollten sie in ihren Ländern machen aber nicht hier. Ich habe absolut nichts gegen Ausländer keiner Art, jedoch wer solche Meinung vertritt sollte sofort ausgewiesen werden. Früher oder später ist das eine Gefahr für Europa, letztendlich für die ganze Welt. Am besten währe diese Länder ignorieren und total abblocken.” Ein User unter dem Nick “manus” geifert indes: “In wenigen Jahren hat dieses islamische Gesindel auch bei uns die Oberhand, so wie heu schon in Deutschland. Es gibt nur einen einzige Weg für uns in EU — Religion ist Privatsache, so we die sexuelle Neigung, und hat im öffentlichen Leben nix zu suchen. Wer das nicht will — geht wieder in die arabische Wüste zurück.” In anderen Kommentaren ist zu lesen, die “Ausrichtung des Korans” sei krank “und da merkt man wie Religion menschliche Hirne krank machen kann! Das ist nichts anderes wie die Hinrichtugen im KZ damals, kein bißchen weniger schlimm!!!” Der User “20yearsb” schreibt: “Langsam find ichs gut was Busch macht. Leider nur halbe Sachen.” Ein anderer meint: “Da fragt man sich ehrlich, warum die Amis mit ihren Aliierten nur halbe Sachen machen und den Irak und Iran nicht ganz plattwalzen.”

Lediglich der User “ganjanija” verwahrt sich gegen derartige Äußerungen und warnt vor Hysterie: “Da sieht man wieder was solche Meldungen bewirken … Die Leute kriegen Angst und vermischen alles mit jedem. Don’t be afraid baby, sprach der Herr. Österreicher sterben eher am Wiener Schnitzerl…”

Germany, sweet land of the judges and hangmen

Everybody has condemned the execution of two teenagers in Iran. Everybody? No, there’s one exception: Europe’s biggest newspaper, the German tabloid “BILD“. On July 27 it featured the following story:

Iran execution in BILD

Translation:

Here two child defilers are hanged

Tehran — Their eyes are bandaged, the wrapped-up hangmen put the ropes around their necks: A few seconds later those two child defilers are dead. The young men were sentenced to death before an Iranian court, because they allegedly kidnapped and raped a 13-year-old boy.

BILD is known for its bias to distort facts and smear people. BILDblog.de, which is exclusively dedicated to expose all the lies of BILD, runs a story about the BILD coverage of this incident. As far as facts are concerned: the two teenagers have never been accused of kidnapping. But of course, the real scandal is BILD’s thinly veiled sympathy for the court’s decision to hang two “child defilers”.

Meanwhile, the gay online magazine queer.de has bestowed its infamous “homo gherkin” award on BILD for leaving behind all standards of accurateness and cheering the execution of two minors.

Aus dem iranischen Strafgesetzbuch

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hadd für liwat

138/139/108 liwat ist das Koitieren (wat’) eines Männlichen (insan mudakkar) [durch Eindringen mit dem Glied].
139/140/109 Wenn jemand einen Männlichen koitiert, sollen beide, der Aktive und der Passive, zur hadd-Strafe verurteilt werden. [ ... ]
140/141/110 Die hadd-Strafe für liwat ist die Tötung;
—/141/110 der schari’a-Richter entscheidet über die Tötungsart.
141/142/111 Auf liwat steht die Tötung, wenn Aktiver und Passiver volljährig und geistig gesund sind und freiwillig (handelten).
141/—/— Deshalb zieht liwat einer minderjährigen, schwachsinnigen oder dazu gezwungenen Person nicht die Tötung nach sich.
142/143/112 Wenn ein volljähriger und geistig gesunder Mann einen Minderjährigen koitiert, soll der Aktive getötet werden, und der Passive soll nach dem Ermessen des Richters gezüchtigt werden [mit bis zu 74 Peitschenhieben], so er nicht dazu gezwungen wurde.
143/144/113 Wenn ein Minderjähriger einen andern Minderjährigen koitiert, sollen sie nach dem Ermessen des Richters gezüchtigt werden, es sei denn, einer von beiden wurde dazu gezwungen.
143/144/— Anmerkung: Samenerguß während des Aktes erweist die Volljährigkeit des Aktiven.

Art und Weise des Beweises von liwat

A. Geständnis

144/145/114 Wenn der Aktive oder Passive viermal [vor dem Richter] gesteht, so ist liwat für den Geständigen erwiesen.
145/146/116 Das Geständnis ist gültig, wenn der Geständige volljährig und geistig gesund ist und freien Willen und Vorsatz hat.
146/147/115 Wenn der Aktive oder der Passive weniger als viermal gesteht, so gilt liwat nicht als bewiesen, aber der Richter soll nach seinem Ermessen züchtigen.

B. Zeugnis

147/148/117 liwat wird durch das Zeugnis vier rechtschaffener Männer erwiesen, die ihn (den liwat) mit eigenen Augen gesehen haben.
148/149/118 Wenn weniger als vier rechtschaffene Männer das bezeugen, so ist liwat nicht bewiesen, und die Zeugen sollen zum hadd für Verleumdung verurteilt werden.
149/150/119 Das Zeugnis von Frauen beweist liwat nicht — weder allein, noch zusammen mit Männern.

C. Das Wissen des Richters

150/151/120 Der Richter kann ein Urteil auf Grundlage seines Wissens, das er auf allgemein üblichem Wege (az tariq-i muta’arif) erlangt hat, fällen.

Schenkelverkehr (tafhid)

151/152/121 Die Strafe für tafhid und Ähnliches begangen von zwei Männlichen ohne Eindringen, ist 100 Hiebe für den Aktiven und den Passiven. Anmerkung: Wenn der Aktive kein Muslim ist und der Passive es ist, wird der Aktive getötet.
152/153/122 Wenn tafhid oder Ähnliches dreimal wiederholt wird und die hadd-Strafe jedesmal verhängt worden ist, sollen beide beim vierten Mal getötet werden.
153/154/123 Wenn zwei nicht blutsverwandte Männer ohne Not (d.h. ohne guten Grund) nackt unter einer Decke liegen, sollen sie [mit bis zu 99 Peitschenhieben] (nach dem Ermessen des Richters) gezüchtigt werden.
154/155/124 Wenn jemand eine andere Person lüstern küsst, soll er [mit bis zu 60 Peitschenhieben] (nach dem Ermessen des Richters) bestraft werden.

Bedingungen der Strafaufhebung und der Vergebung bei liwat

155/156/126 Falls der Begeher von tafhid oder Ähnlichem oder der luti seine Handlung — ob mit oder ohne Eindringen — bereut, bevor die Zeugen Zeugnis abgelegt haben, soll die hadd-Strafe fallengelassen werden, und falls er bereut, nachdem Zeugnis abgelegt wurde, soll die hadd-Strafe nicht fallengelassen werden.
156/156161/125 Falls die Handlungen durch Geständnis bewiesen werden, kann der Richter vergeben [bei wali al-amr den Antrag auf Begnadigung stellen] … … …

Kuppelei

165/135 Kuppelei ist das Zusammenführen oder In-Verbindung-Bringen von zwei Personen zum Zwecke von zina oder liwat.
166/136 Kuppelei wird durch zweimaliges Geständnis bewiesen, sofern der Geständige volljährig, geistig gesund und freien Willens ist.
167/137 Kuppelei wird durch das Zeugnis zweier unbescholtener Männer bewiesen.
168/138 Die Strafe für Kuppelei ist siebzig [75] Peitschenhiebe und Verbannung vom Wohnort für einen vom Richter festzusetzenden Zeitraum. Beachte: Die Strafe für Kuppelei (begangen) von einer Frau ist fünfundsiebzig Peitschenhiebe.

Verleumdung (qadf)

169/139 Verleumdung (qadf) ist jemandem zina oder liwat nachzusagen.
170/140 Die hadd-Strafe für qadf ist achtzig Peitschenhiebe gleich ob ein Mann oder eine Frau verleumdet. [Erläuterung 1: Die Verhängung der hadd-Strafe für Verleumdung hängt vom Antrag des Verleumdeten ab.] Beachte: Wer eine Person nicht wegen zina oder liwat verleumdet, sondern anderer Vergehen wie etwa Tribadie, wird mit dreißig bis fünfzig [bis zu 74] Peitschenhieben bestraft … … …
174/143 Wer jemandem nachsagt, er habe zina mit einer Frau oder liwat mit einem Mann begangen, macht sich der Verleumdung schuldig; er wird mit hadd bestraft … … …
195/160 Wer jemanden mehrmals wegen verschiedener Dinge wie zina oder liwat verleumdet, wird mit mehreren hadd-Strafen bestraft.

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Übersetzung von Arno Schmitt (PDF)

Die Menschenrechte – Passepartout der bürgerlichen Staatskritik

Die Exekution zweier iranischer Jugendlicher wegen gleichgeschlechtlicher “Sodomie” hat die US-amerikanische Lobbyorganisation Human Rights Campaign — sonst hauptsächlich damit beschäftigt, Spenden für Politiker zu sammeln, die sich in ihren Wahlprogrammen für die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen aussprechen — zu der folgenden pathetischen Erklärung veranlasst:

The Universal Declaration of Human Rights, which was signed by the UN General Assembly in 1948, declares that every human should be guaranteed the fundamental right to life, liberty, and security of person and every human should be free from torture and cruel, inhuman or degrading treatment or punishment. Tragically, this guarantee of basic human rights does not exist for GLBT individuals in certain regions of the globe. [...] As we have seen in recent weeks, the barbarous punishments for sexual acts in these countries run contrary to the letter and the spirit of the Universal Declaration of Human Rights. For that reason, these acts must be condemned.

Es handelt sich um eine Aufforderung an die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice, die Hinrichtungen durch das Mullah-Regime öffentlich zu verurteilen. Lassen wir einmal die kleinliche Betrachtung der Gesetze beiseite, die Matthew Limon für 17 Jahre hinter Gitter gebracht haben — ein Fall, für den sich die Human Rights Campaign nie sonderlich interessiert hat —, so bleibt doch erstaunlich, was den Menschenrechten hier alles zugetraut wird. So sollen sie etwa den Maßstab liefern, um die in zahlreichen Ländern verhängten Todes- und Gefängnisstrafen für gleichgeschlechtlichen Sex zu skandalisieren. Seltsam daran ist nur, dass die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948 von Nationen erlassen wurde, die damals homosexuelle Handlungen fast alle auf die eine oder andere Weise verfolgt haben. Genau genommen fällt die Deklaration sogar in eine Zeit, als diese Verfolgung sich in den westlichen Industriestaaten gerade anschickte, ihren historischen Höhepunkt zu erreichen.

Etwas merkwürdig ist diese Sichtweise aber auch deshalb, weil “das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person” bisher noch niemanden dazu veranlasst hat, das Einsperren und Hinrichten von Gesetzesübertretern für eine Verletzung der Menschenrechte zu halten. Gefordert wird dort ja auch nur: “Jeder hat bei der Feststellung seiner Rechte und Pflichten sowie bei einer gegen ihn erhobenen strafrechtlichen Beschuldigung in voller Gleichheit Anspruch auf ein gerechtes und öffentliches Verfahren vor einem unabhängigen und unparteiischen Gericht.” (Art. 9). Gesetzt den Fall, dies wäre im Iran geschehen, so wäre auf der Basis der Menschenrechte an der Exekution zweier Jugendlicher, die miteinander Sex hatten, gar nichts auszusetzen. Das ist die ganze Wahrheit über die Erklärung von 1948, denn ein “Recht auf einverständlichen Sex” ist dort weit und breit nicht zu finden.

Ja schlimmer noch postuliert Art. 16 Abs. 3:

Die Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat.

Und genau dieser Schutzanspruch der bürgerlichen Keimzelle war die Ideologie, mit der die Bestrafung homosexueller Handlungen seinerzeit gerechtfertigt wurde. Das ist also der “Geist” der Menschenrechte und zeigt doch recht deutlich, dass sie das Lob der Human Rights Campaign gar nicht verdient haben. Es ist auch bis in die 90er Jahre hinein niemand auf die Idee gekommen, die antihomosexuellen Strafgesetze anhand der UNO-Deklaration von 1948 kritisieren zu wollen. Das ist komischerweise erst der Fall, seitdem sie in fast allen Industrieländern (so z.B. 1994 in Deutschland und 2001 in England) aus den Gesetzbüchern gestrichen wurden. Seitdem gilt die Straffreiheit einverständlicher Sexualität allen Ernstes für eine Forderung — wenn nicht gar für das Verdienst! — der universellen Menschenrechte. Nur eben ganz zu unrecht, wie sich zeigt.

The Politics of Hysteria

Manche scheinen sich den Tod von Schwulen so sehr herbeizuwünschen, dass sie sich die Nachricht dazu gleich selber ausdenken, wie z.B. Tzach, der unter dem perfiden, weil auf die Anwesenheit von “Fremden” umgemünzten Titel “Der Hauptfeind steht im eig’nen Land” folgende Falschmeldung verbreitet:

Islamisterroristen [sic!] bedrohen Schwule mit Bomben

Dabei verlinkt er auf eine Presseerklärung von OutRage!, einer Schwulengruppe, die nicht nur für ihre unseriösen, hysterischen und manchmal sogar über Leichen gehenden* PR-Aktionen, sondern auch für ihren merkwürdigen Personenkult um den ex-linken Homo-Aktivisten Peter Tatchell bekannt ist. Wie üblich, ist sich OutRage! nicht zu schade, die Terrorakte in London zu missbrauchen, um sich mal wieder selber in den Mittelpunkt zu stellen. Und so ergeht sich Anführer Peter Tatchell in wüsten Spekulationen über die angebliche Gefahr, die der gay community in England jetzt durch islamische Fundamentalisten drohe:

“Gay venues could be bombed by Islamic terrorists. All gay bars and clubs should introduce bag and body searches. Muslim fundamentalists have a violent hatred of lesbians and gay men. They believe we should be killed. Our community could be their next target. This is no time for complacency.”

Abhilfe soll die flächendeckende Installation von Überwachungskameras sowie die Einführung von Leibesvisitationen an sämtlichen schwulen Orten schaffen:

“All gay venues throughout the country should install CCTV and search everyone who enters.”

Mit einem Wort: Tatchell führt sich auf, als wär er Scotland Yard persönlich und könnte offizielle “Terrorwarnungen” aussprechen. Eine reale Bombendrohung liegt dem nicht zugrunde, nur eine von jenen hate calls, die er regelmäßig über Handy erhält:

The threats have been reported to the police. Officers have identified the phone number but have been unable to trace the owner, as it is a pay-as-you-go mobile phone.

Andere schaffen sich eine Privatnummer an, um sich vor Stalkern zu schützen — Tatchell dagegen wartet nur darauf, sich bei passender Gelegenheit (hier: die Terroranschläge in London) durch Verweis auf solche Anrufe wieder ins Gespräch zu bringen und mit der Angst der Leute Politik zu machen. Und es ist kein Wunder, dass Menschen, die der Sprache nicht ganz mächtig sind — neben Bildzeitungs-Redakteuren auch so mancher libertäre Blogger —, den Konjunktiv vor Tatchells ganzem Dünnpfiff einfach übersehen.

Also, Tzach: es gibt sie nicht, die Bombendrohung islamistischer Terroristen gegen englische Schwule! Das ist bloß Teil einer Hysterie, die von Tatchell geschürt wird, weil er meint, damit seine politischen Interessen besser durchsetzen zu können. Und ein ganz ähnliches Motiv steckt dahinter, wenn eine Presseerklärung, die allen Ernstes für die Horrorvision einer totalen Überwachung schwuler Clubs und Bars wirbt, unter deinen liberalen Kollegen so begierig weitergereicht wird. Ja manchem scheint bereits der bloße Gedanken an die Wörter “Sicherheit” und “Polizei” zu genügen, dass es aus ihm nur so herausspritzt.

 
* Siehe hierzu Wikipedia: “Some activities of OutRage! have been highly controversial. It unveiled placards naming 10 Church of England Bishops as gay in 1994. Shortly after it wrote to twenty-five Members of Parliament urging them to publicly reveal their homosexuality in 1995, one of those in receipt of the letter died of a sudden heart attack. Tatchell was [therefore] denounced as a ‘homosexual terrorist’ by the Daily Mail.”

Kritik und Selbstkritik

Coole Buchzusammenfassung, die besserezeiten da in seinem Blog veröffentlicht hat. Auszüge:

Die Autorin argumentiert auf der Grundlage der von Edward Said entworfenen Kritik des Orientalismus als eines dominanten westlichen Diskurses, der den Orient als inferioren Gegenentwurf zum Abendland konstruiert und ihn mit ähnlichen Attributen belegt, die für eine patriarchalische Sichtweise auf Frauen gelten. An Said kritisiert sie allerdings dass er mit seiner Kritik der Aneignung des Orients durch den Westen im patriarchalischen Diskurs verhaftet bleibe indem er ihn als eine Ermächtigung des männlich konnotierten Westens beschreibt und den westlichen Frauen dabei keine bzw. eine passive Rolle zukommen lasse.
Dagegen stellt sie ihren Ansatz, dass der europäische Zugang zum Orient kein einheitlicher gewesen sei und sich parallel zum dominanten orientalistischen Diskurs eine alternative Sichtweise auf den Orient entwickelt habe die aus den Schriften von weiblichen Reisenden herauszulesen sei.
Diese Sichtweise zeichne sich dadurch aus, dass sich aus der Konfrontation europäischer Frauen mit orientalischen kulturellen Praktiken wie z.B. Polygamie und Segregation ein Vergleich mit den kulturellen Praktiken des patriarchalischen Abendlands entwickele, der eher zu Selbstkritik und weiblicher Solidarität führe als zu einer Wahrnehmung selbstgefälliger Überlegenheit.
Somit beschreibt sie das Reisen europäischer Frauen als möglichen emanzipatorischen Akt.

[...]

Eine spezifische Form der Reiseliteratur ist harem literature. Haremliteratur beschäftigt sich mit den privaten Lebensbedingungen muslimischer Frauen und wurde hauptsächlich von Reisenden geschrieben, auch wenn die Beschreibung der Reise nicht im Vordergrund stand. Melman bezeichnet Haremliteratur als „most serious challenge to Orientalist and patriarchal authority“ weil sie in der weiblichen Repräsentation des kulturell Anderen eine Sympathie oder solidarische Verbundenheit mit den Repräsentierten erkennen lasse. Von Frauen verfasste Haremliteratur zeige eine bemerkenswerte Widerständigkeit gegen die essentialistischen Zuschreibungen einer angeblich besonders libidinösen Orientalin.

Weibliche Reiseberichte und Haremliteratur entwickelten sich parallel zum Höhepunkt der diskursiven Konstruktion von bürgerlicher Öffentlichkeit und Privatsphäre und der Trennung von männlich und weiblich konnotierten Sphären des Lebens und Handelns im Westen. Zugleich war Haremliteratur damit ein subversives Potenzial eingeschrieben, indem es im Vergleich orientalischer und westlicher Lebensweisen die Kritik auf die westlichen Vorstellungen von Häuslichkeit und Weiblichkeit, mithin auf das westliche Patriarchat zurückfallen ließ.

[...]

An Lady Mary Wortley Montagu wurde kritisiert, dass sie sich ausschließlich der Betrachtung der Gebräuche der Oberschicht zuwandte. Andere Reisende betrachteten auch ökonomisch weniger privilegierte Schichten im arabischen Hinterland und stellten außerordentliche Freiheiten für Frauen fest, die sie ins Verhältnis zu den Freiheiten englischer Frauen sowohl der Ober- als auch der Unterschicht setzten. Seit den 1850ern lässt sich eine Tendenz des Interesses hin zu den Unterschichten der orientalischen Bevölkerung feststellen, die sich zeitgleich zum englischen Diskurs über die heimische Arbeiterklasse entwickelte. Dabei bemerkten die Reisenden eine inverse relationship von Klasse und sozialer Stellung der orientalischen Frau: je weniger eine Familie ökonomisch privilegiert war, desto höher war die soziale Stellung der Frau in der Familie und desto mehr Freiheiten genoss sie. Eine Lucie Duff-Gordon (S. 105) beschrieb 1869, dass Ehemänner aus der Unterklasse der fallahin ihren Frauen mehr Rechte einräumten als britische Ehemänner jeglicher Klasse. Andere Reisende zeigen sich von einem feministischen Standpunkt her positiv erstaunt über die Leichtigkeit mit der eine muslimische Ehe geschieden werden könne und die ökonomischen Absicherungen für Frauen die damit einher gingen im Vergleich zu den schweren ökonomischen und sozialen Folgen die eine Scheidung im viktorianischen England für die Frau haben konnte.

Billie Melman: Women’s Orients. English Women and the Middle East, 1718-1918. London 1992.

Klaus Theweleit revisited

Im Kontext der zunehmenden Rehabilitierung von Wilhelm Reichs These eines “inneren Zusammenhangs” zwischen Homosexualität und Faschismus in der postantideutschen Linken fand ich es ganz interessant, mir nochmal Klaus Theweleit anzuschauen. Theweleit wird des Öfteren in die Rezeptionslinie dieser These gestellt, die sich bei traditionellen Marxisten wie Bert Brecht und Maxim Gorki ebenso großer Beliebtheit erfreute wie bei den kritischen Theoretikern Erich Fromm und Theodor W. Adorno. Nachdem dieser Topos in der Exil-Linken als Medium der Anti-Nazi-Propaganda popularisiert worden war (so sehr, dass Klaus Mann sich gar zu der Warnung genötigt sah, man sei “im Begriff, aus ‘dem Homosexuellen’ den Sündenbock zu machen — etwa ‘den Juden’ der Antifaschisten”), geriet die These nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst für längere Zeit in Vergessenheit. Doch sie erlebte mit der Wiederentdeckung Reichs durch die “Neue Linke” in den Jahren nach 1968 eine erstaunliche Renaissance. So schreibt Stefan Micheler:

Das Dogma der “natürlichen” Heterosexualität in Anlehnung an Wilhelm Reich und überkommene Sexualideologien sowie die eigene Heteronormativität wurden also von der Mehrheit der Angehörigen der Studierendenbewegung nicht hinterfragt, sondern unkritisch übernommen. So nachhaltig, dass es immer wieder aufgegriffen wurde und man diese Theorie heute noch z.B. beim “Guru” linker Männerbild-Theorie, Klaus Theweleit, findet.

Etwas unfair ist die Beschuldigung Theweleits schon, denn wie sehr sein Buch Männerphantasien auch um diese These kreisen mag, er versucht ihr doch zugleich auch zu entkommen:

Daraus kann man ableiten, daß jeder Mann hier, der die Männergesellschaft ablehnt, homosexueller ist als ihre treuesten Anhänger, eben weil er wahrscheinlich überhaupt sexueller ist.
Auf diesem Hintergrund von ‘latenter’ Homosexualität zu sprechen, erscheint mir als irreführend.

(Bd. 2, S. 330)

Gegen Reich, Adorno und Brecht holt er sogar zu einem gut platzierten Gegenschlag aus:

Homosexualität also? Das Stichwort scheint fällig — aber bringt es weiter? Homosexualität, vor allem die ‘latente’, die über erhebliche Mengen gestauter Triebenergie verfügt, die auf aggressive Entladungen drängt, ist von manchen Autoren als wesentlicher Bestandteil der Aggressionslust des soldatischen Mannes genannt worden. Wilhelm Reich etwa schrieb:

Man konnten nun während des Krieges die Beobachtung machen, daß diejenigen, welche starke heterosexuelle Bindungen oder vollwertige Sublimierungen aufwiesen, den Krieg ablehnten; dagegen waren diejenigen die brutalsten Draufgänger, die das Weib als Klosett betrachteten und latent oder manifest homosexuell waren.

[...]

Die Vorstellungen über Homosexualität sind so diffus und von Abwehr bestimmt (und zwar auch unter den Analytikern selbst), daß man davon ausgehen muß, der Begriff Homosexualität löse alles andere eher, denn ein Verständnis aus: eine Reihe von Vorurteilen, falschen Vorstellungen und eigener Abwehr setzt sich in Bewegung, um bei der krampfhaften Sicherheit anzukommen, daß Homosexuelle auf jeden Fall erst mal die anderen seien: Fremde, oder sogar Feinde, die einem selbst ganz und gar nicht gleichen, die man dingfest machen kann in einem Begriff wie dem des tough guy etwa, den Adorno vor Augen hatte, als er seinen Aphorismen die Behauptung zufügte: “Totalität und Homosexualität gehören zusammen.” Im Zusammenhang der Adornoschen Wertvorstellungen kommt dieser Satz einer Vernichtung dessen gleich, den diese totalitäre Krankheit befallen hat. Interessant wird dieser Vorwurf erst dadurch, daß Adorno den angeblichen Haß des tough guys gegen die “Effeminierten” mit der ausgesprochen männerbündlerischen Replik bedenkt, daß “am Ende” die tough guys selbst “die eigentlich Effeminierten” seien. Handelt es sich also um einen Streit unter Männern, wer der ‘eigentliche Mann’ sei? Ist die denkbare Schande die, effeminiert zu sein?
Oder nehmen wir den Mann Brecht, der in seinem Arbeitsjournal am 27. 5. 42 vermerkt hat:

sitze nachmittags für eine stunde mit feuchtwanger in seinem schönen garten. er erzählt, sie haben jetzt hormoninjektionen in der armee, welche homosexualität restlos entfernen (allerdings alle paar monate erneuert werden müssen). so macht jetzt auch den homosexuellen die armee keinen spaß mehr.

Als Leute, denen die Armee aus freien Stücken Spaß macht, fallen die Homosexuellen auch hier unter die Feinde (werden aber eigenartigerweise auch von der Armee nicht gemocht?) Und Brecht selbst? Er, der so zurückhaltend mit Bemerkungen war, die etwas von seinen Gefühlen den Menschen gegenüber, mit denen er eng zusammenlebte, verraten hätten können, nennt eben jenen Lion Feuchtwanger, in dessen Garten sitzend er sich so gern über schwierige Fragen der Kunst und der Politik unterhielt in der vielleicht offensten Notiz seines Journals einen “wirklichen Freund”.
Der Verdrängungsapparat des Feuchtwanger-Freundes Brecht funktioniert nicht schlecht, wenn er ohne Widerspruch die Möglichkeit akzeptieren kann, daß Homosexualität durch einen solchen Eingriff “restlos” zu beseitigen wäre.
Halten wir fest: diese Anti-Homosexuellen haben in ihrer Haltung zumindest etwas sehr Männertümelndes. Ausgedrückt wird das mit einer Selbstsicherheit, die deutlich die Differenz betont und in der so etwas wie eine Befriedigung mitschwingt, daß man selbst über dezentere, ‘männlichere’ Mittel verfüge, als jene Schrecklichen, die gegen ihre perversen Lüste Spritzen brauchen, wo man selbst doch mit einem klugen materialistischen Gespräch über die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit auskommt oder mit den freudigen Erschütterungen, die die Niederkunft eines mächtigen Aphorismus begleiten.

(Bd. 1, S. 61 ff.)

Doch am Ende bleibt Theweleit selber in dieser These gefangen, wenn er auch “die Disposition zur Männerliebe” als “das allgemeinste kollektive Triebschicksal” bestimmt, welches “bei uns (sic!) keiner besonderen psychischen Disposition des einzelnen” bedürfe (Bd. 2, S. 330), weil die Entwertung des ‘Weiblichen’ in dieser Gellschaft universal sei:

An den Frauen hängt in der männlich dominierten Gesellschaft viel zuwenig ‘Welt’, als daß sie mit ‘erfahrenen’ Männern konkurrieren könnten. Schon deshalb erscheinen sie als viel weniger liebenswert. Der Traum vom Heldenleben, von Stärke, Aufstieg und Glanz, Esprit und Jagd, von der Weite, die zu erobern, vom Gipfel, der zu erklimmen ist, von der strahlenden Schönheit des ‘freien Männerhelden’, dem dies gelingt — wie sollte er sich an Frauen haften können, an die privaten, eingeschlossenen Wesen, die mit dem Schmutz des Alltäglichen in Beziehung stehen, nicht aber mit den Taten der Großen, die den Weltlauf bestimmen.

(Bd 2, S. 328)

Theweleit schafft es nicht, aus den Widersprüchen auszubrechen, die er einen nach dem anderen vor sich aufhäuft. So schreibt er in einer Fußnote:

Um es noch einmal zu betonen: Der Terror kommt nicht aus der Homosexualität; aber Männerbünde neigen zur Ausbildung ‘homosexueller’ Praktiken, die, selber aggressiver Art, zum Umklappen in jede andere Form der Aggressivität fähig sind. Das gilt aber für ihre ‘heterosexuellen’ Praktiken im Prinzip auch.

(Bd. 2, S. 332)

Also was jetzt? Wenn “Homosexualität” gar nicht der Grund ist, aus dem sich die Aggressivität des faschistischen Rackets erklären lässt; wenn dessen “heterosexuelle” Praktiken des gleichen Wesens sind: was sollte dann der ganze Ausflug überhaupt?

Der Grund für Theweleits Irrtümer ist schnell erklärt: es ist sein Hang zur Psychologisierung des Faschismus. Die Freicorps, die er zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung macht, basierten nicht auf “unbewusst erotischen” Phänomenen, sondern wurden ganz schlicht durch eine Ideologie zusammengehalten, die zu analysieren sich sein Buch konsequent weigert. Dabei hatte Klaus Mann bereits 1934 alles Nötige dazu geschrieben:

Das ‘Bündische’, sagt man, habe stets homoerotischen Charakter, und auf dem ‘bündischen’ Prinzip basiere der Faschismus. Lassen wir das Problem beiseite, bis zu welchem Grade der wirklich Invertierte immer dem ‘Bündischen’ zuneigt — er ist oft einsamkeitssüchtig und scheu, man hat ihm einen asozialen Charakter vorgeworfen. Sogar aber vorausgesetzt, alle Invertierten suchten den Männerbund und der Männerbund habe stets die invertierte Note: worauf es ankommt, ist nur der Geist, in dem der Bund geschlossen wurde, nicht der erotische Kitt, durch den er zusammenhält.

Theweleit dagegen verblieb mit seinen Männerphantasien konsequent im Bannkreis der antiautoritären Bewegung, die allen Ernstes glaubte, das Kernproblem läge in einer patriarchalen Erziehung. Umso weniger verwundert es, dass die 68er im Zuge ihres allmählichen Rechtsrucks nur einen neuen Typus des Faschisten hervorgebracht haben: Figuren wie Rainer Langhans, die zwar von “Männertümelei” nichts wissen wollen, rechtsextreme Ideologiebruchstücke aber umso zeitgemäßer unter die Leute bringen.

Mehr noch aber gelang es den 68ern, jede Forschung über die Mittäterschaft von Frauen an der Realisierung des deutschen Mordprogramms 20 Jahre lang mit dem verlogenen Hinweis abzuwürgen, dass die Frauen doch die eigentlichen Opfer des deutschen Faschismus gewesen seien (denn über die Juden, die als einzige qua Kollektiv verfolgt worden waren, sprachen die 68er höchst ungern). Es war dann schließlich die feministische Frauenforschung selbst, die in den 90er Jahren den Mythos von den deutschen Frauen als Opfern des Nationalsozialismus ein für allemal begraben hat.


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