Monatsarchiv für Juli 2005

böses österreich

Aus einer Pres­se­er­klä­rung des wissenschaftlich-humanitären komi­tees (whk) vom 28. 7.:

Scharf rügt das whk unter­des­sen die nach einem Bericht über die Hin­rich­tung ein­set­zende ras­sis­ti­sche Hetze gegen Mos­lems auf dem öster­rei­chi­schen Schwu­len­por­tal gayboy.at. Dort fin­den sich meh­rere User­kom­men­tare, in denen Mos­lems pau­schal und durch­weg in sehr schlech­tem Deutsch als "Mos­lemgs­in­del" und "Bes­tien" belei­digt wer­den. So schreibt bei­spiels­weise der User "Sweet­boy 23" mit Ver­weis auf die bei­den Bom­ben­an­schläge in Lon­don: "Und schon wie­der ein Ter­ror­an­schlag von die­sem Mos­lemgs­indl … Herr Bush, die Jungs da unten brau­chen drin­gend noch ein paar Bömbchen aufm Kopf … Wenn die­ses Mos­lemgs­indl so wei­ter macht (Ter­ror­an­schläge etc) wirds eh bald mal wie­der da unten anstän­dig kra­chen. Aber das nächste mal sol­len die Amis die Sache gründ­li­cher angehn. Nach dem Motto: nur ein toter Mos­lem ist ein guter Moslem."

Ein ande­rer User mit dem Namen "heart" läßt wis­sen: "Über­all auf der Welt wo Unheil und Mord regiert haben irgent­wel­che Mos­lems ihre Fin­ger im Spiel … Diese Men­schen wol­len es ein­fach nicht wahr­ha­ben das sie böse sind … Für mich sind das keine Men­schen für mich sind das abar­tige Bes­tien die nur den Ter­ro­ris­mus wol­len und auch unter­stüt­zen … Diese 'Men­schen' (Anfüh­run­gen im Ori­gi­nal! — whk) sind ein­fach nur krank. Am bes­ten wäre eine große Mauer um diese Län­der zu bauen und wenn sie wol­len kön­nen sie sich dann gegen­sei­tig in die Luft bom­ben und ver­nich­ten, aber (sie — whk) sol­len uns in Ruhe las­sen." Ein User namens "Ter­a­mann" schreibt: "Es gibt lei­der auch bei uns in Wien Mos­lems (vor­wie­gend Tür­ken ) die sich unter­ein­an­der rich­ten, wegen unnö­tige Klei­nig­kei­ten, das soll­ten sie in ihren Län­dern machen aber nicht hier. Ich habe abso­lut nichts gegen Aus­län­der kei­ner Art, jedoch wer sol­che Mei­nung ver­tritt sollte sofort aus­ge­wie­sen wer­den. Frü­her oder spä­ter ist das eine Gefahr für Europa, letzt­end­lich für die ganze Welt. Am bes­ten währe diese Län­der igno­rie­ren und total abblo­cken." Ein User unter dem Nick "manus" gei­fert indes: "In weni­gen Jah­ren hat die­ses isla­mi­sche Gesin­del auch bei uns die Ober­hand, so wie heu schon in Deutsch­land. Es gibt nur einen ein­zige Weg für uns in EU — Reli­gion ist Pri­vat­sa­che, so we die sexu­elle Nei­gung, und hat im öffent­li­chen Leben nix zu suchen. Wer das nicht will — geht wie­der in die ara­bi­sche Wüste zurück." In ande­ren Kom­men­ta­ren ist zu lesen, die "Aus­rich­tung des Korans" sei krank "und da merkt man wie Reli­gion mensch­li­che Hirne krank machen kann! Das ist nichts ande­res wie die Hin­rich­tu­gen im KZ damals, kein biß­chen weni­ger schlimm!!!" Der User "20yearsb" schreibt: "Lang­sam find ichs gut was Busch macht. Lei­der nur halbe Sachen." Ein ande­rer meint: "Da fragt man sich ehr­lich, warum die Amis mit ihren Ali­ier­ten nur halbe Sachen machen und den Irak und Iran nicht ganz plattwalzen."

Ledig­lich der User "gan­ja­nija" ver­wahrt sich gegen der­ar­tige Äuße­run­gen und warnt vor Hys­te­rie: "Da sieht man wie­der was sol­che Mel­dun­gen bewir­ken … Die Leute krie­gen Angst und ver­mi­schen alles mit jedem. Don't be afraid baby, sprach der Herr. Öster­rei­cher ster­ben eher am Wie­ner Schnitzerl…"

Germany, sweet land of the judges and hangmen

Ever­y­body has con­dem­ned the exe­cu­tion of two teen­agers in Iran. Ever­y­body? No, there's one excep­tion: Europe's big­gest news­pa­per, the Ger­man tabloid "BILD". On July 27 it fea­tured the fol­lo­wing story:

Iran execution in BILD

Trans­la­tion:

Here two child defi­lers are hanged

Tehran — Their eyes are ban­da­ged, the wrapped-up hang­men put the ropes around their necks: A few seconds later those two child defi­lers are dead. The young men were sen­tenced to death before an Ira­nian court, because they alle­gedly kid­nap­ped and raped a 13-year-old boy.

BILD is known for its bias to dis­tort facts and smear people. BILDblog.de, which is exclu­si­vely dedi­ca­ted to expose all the lies of BILD, runs a story about the BILD cover­age of this inci­dent. As far as facts are con­cer­ned: the two teen­agers have never been accu­sed of kid­nap­ping. But of course, the real scan­dal is BILD's thinly vei­led sym­pa­thy for the court's deci­sion to hang two "child defilers".

Mean­while, the gay online maga­zine queer.de has bes­towed its infa­mous "homo gher­kin" award on BILD for lea­ving behind all stan­dards of accu­ra­ten­ess and chee­ring the exe­cu­tion of two minors.

Aus dem iranischen Strafgesetzbuch

>>>

hadd für liwat

138/139/108 liwat ist das Koi­tie­ren (wat') eines Männ­li­chen (insan mudak­kar) [durch Ein­drin­gen mit dem Glied].
139/140/109 Wenn jemand einen Männ­li­chen koi­tiert, sol­len beide, der Aktive und der Pas­sive, zur hadd–Strafe ver­ur­teilt wer­den. [ … ]
140/141/110 Die hadd–Strafe für liwat ist die Tötung;
—/141/110 der schari'a–Rich­ter ent­schei­det über die Tötungs­art.
141/142/111 Auf liwat steht die Tötung, wenn Akti­ver und Pas­si­ver voll­jäh­rig und geis­tig gesund sind und frei­wil­lig (han­del­ten).
141/—/— Des­halb zieht liwat einer min­der­jäh­ri­gen, schwach­sin­ni­gen oder dazu gezwun­ge­nen Per­son nicht die Tötung nach sich.
142/143/112 Wenn ein voll­jäh­ri­ger und geis­tig gesun­der Mann einen Min­der­jäh­ri­gen koi­tiert, soll der Aktive getö­tet wer­den, und der Pas­sive soll nach dem Ermes­sen des Rich­ters gezüch­tigt wer­den [mit bis zu 74 Peit­schen­hie­ben], so er nicht dazu gezwun­gen wurde.
143/144/113 Wenn ein Min­der­jäh­ri­ger einen andern Min­der­jäh­ri­gen koi­tiert, sol­len sie nach dem Ermes­sen des Rich­ters gezüch­tigt wer­den, es sei denn, einer von bei­den wurde dazu gezwun­gen.
143/144/— Anmer­kung: Samen­er­guß wäh­rend des Aktes erweist die Voll­jäh­rig­keit des Aktiven.

Art und Weise des Bewei­ses von liwat

A. Geständ­nis

144/145/114 Wenn der Aktive oder Pas­sive vier­mal [vor dem Rich­ter] gesteht, so ist liwat für den Gestän­di­gen erwie­sen.
145/146/116 Das Geständ­nis ist gül­tig, wenn der Gestän­dige voll­jäh­rig und geis­tig gesund ist und freien Wil­len und Vor­satz hat.
146/147/115 Wenn der Aktive oder der Pas­sive weni­ger als vier­mal gesteht, so gilt liwat nicht als bewie­sen, aber der Rich­ter soll nach sei­nem Ermes­sen züchtigen.

B. Zeug­nis

147/148/117 liwat wird durch das Zeug­nis vier recht­schaf­fe­ner Män­ner erwie­sen, die ihn (den liwat) mit eige­nen Augen gese­hen haben.
148/149/118 Wenn weni­ger als vier recht­schaf­fene Män­ner das bezeu­gen, so ist liwat nicht bewie­sen, und die Zeu­gen sol­len zum hadd für Ver­leum­dung ver­ur­teilt wer­den.
149/150/119 Das Zeug­nis von Frauen beweist liwat nicht — weder allein, noch zusam­men mit Männern.

C. Das Wis­sen des Richters

150/151/120 Der Rich­ter kann ein Urteil auf Grund­lage sei­nes Wis­sens, das er auf all­ge­mein übli­chem Wege (az tariq-i muta'arif) erlangt hat, fällen.

Schen­kel­ver­kehr (tafhid)

151/152/121 Die Strafe für tafhid und Ähnli­ches began­gen von zwei Männ­li­chen ohne Ein­drin­gen, ist 100 Hiebe für den Akti­ven und den Pas­si­ven. Anmer­kung: Wenn der Aktive kein Mus­lim ist und der Pas­sive es ist, wird der Aktive getö­tet.
152/153/122 Wenn tafhid oder Ähnli­ches drei­mal wie­der­holt wird und die hadd–Strafe jedes­mal ver­hängt wor­den ist, sol­len beide beim vier­ten Mal getö­tet wer­den.
153/154/123 Wenn zwei nicht bluts­ver­wandte Män­ner ohne Not (d.h. ohne guten Grund) nackt unter einer Decke lie­gen, sol­len sie [mit bis zu 99 Peit­schen­hie­ben] (nach dem Ermes­sen des Rich­ters) gezüch­tigt wer­den.
154/155/124 Wenn jemand eine andere Per­son lüs­tern küsst, soll er [mit bis zu 60 Peit­schen­hie­ben] (nach dem Ermes­sen des Rich­ters) bestraft werden.

Bedin­gun­gen der Straf­auf­he­bung und der Ver­ge­bung bei liwat

155/156/126 Falls der Bege­her von tafhid oder Ähnli­chem oder der luti seine Hand­lung — ob mit oder ohne Ein­drin­gen — bereut, bevor die Zeu­gen Zeug­nis abge­legt haben, soll die hadd–Strafe fal­len­ge­las­sen wer­den, und falls er bereut, nach­dem Zeug­nis abge­legt wurde, soll die hadd–Strafe nicht fal­len­ge­las­sen wer­den.
156/156161/125 Falls die Hand­lun­gen durch Geständ­nis bewie­sen wer­den, kann der Rich­ter ver­ge­ben [bei wali al-amr den Antrag auf Begna­di­gung stellen] … … …

Kup­pe­lei

165/135 Kup­pe­lei ist das Zusam­men­füh­ren oder In-Verbindung-Bringen von zwei Per­so­nen zum Zwe­cke von zina oder liwat.
166/136 Kup­pe­lei wird durch zwei­ma­li­ges Geständ­nis bewie­sen, sofern der Gestän­dige voll­jäh­rig, geis­tig gesund und freien Wil­lens ist.
167/137 Kup­pe­lei wird durch das Zeug­nis zweier unbe­schol­te­ner Män­ner bewie­sen.
168/138 Die Strafe für Kup­pe­lei ist sieb­zig [75] Peit­schen­hiebe und Ver­ban­nung vom Wohn­ort für einen vom Rich­ter fest­zu­set­zen­den Zeit­raum. Beachte: Die Strafe für Kup­pe­lei (began­gen) von einer Frau ist fünf­und­sieb­zig Peitschenhiebe.

Ver­leum­dung (qadf)

169/139 Ver­leum­dung (qadf) ist jeman­dem zina oder liwat nach­zu­sa­gen.
170/140 Die hadd–Strafe für qadf ist acht­zig Peit­schen­hiebe gleich ob ein Mann oder eine Frau ver­leum­det. [Erläu­te­rung 1: Die Ver­hän­gung der hadd–Strafe für Ver­leum­dung hängt vom Antrag des Ver­leum­de­ten ab.] Beachte: Wer eine Per­son nicht wegen zina oder liwat ver­leum­det, son­dern ande­rer Ver­ge­hen wie etwa Tri­ba­die, wird mit drei­ßig bis fünf­zig [bis zu 74] Peit­schen­hie­ben bestraft … … …
174/143 Wer jeman­dem nach­sagt, er habe zina mit einer Frau oder liwat mit einem Mann began­gen, macht sich der Ver­leum­dung schul­dig; er wird mit hadd bestraft … … …
195/160 Wer jeman­den mehr­mals wegen ver­schie­de­ner Dinge wie zina oder liwat ver­leum­det, wird mit meh­re­ren hadd–Stra­fen bestraft.

<<<

Über­set­zung von Arno Schmitt (PDF)

Die Menschenrechte – Passepartout der bürgerlichen Staatskritik

Die Exe­ku­tion zweier ira­ni­scher Jugend­li­cher wegen gleich­ge­schlecht­li­cher "Sodo­mie" hat die US-amerikanische Lob­byor­ga­ni­sa­tion Human Rights Cam­paign — sonst haupt­säch­lich damit beschäf­tigt, Spen­den für Poli­ti­ker zu sam­meln, die sich in ihren Wahl­pro­gram­men für die Gleich­be­rech­ti­gung von Les­ben und Schwu­len aus­spre­chen — zu der fol­gen­den pathe­ti­schen Erklä­rung veranlasst:

The Uni­ver­sal Decla­ra­tion of Human Rights, which was signed by the UN Gene­ral Assem­bly in 1948, decla­res that every human should be gua­ran­teed the fun­da­men­tal right to life, liberty, and secu­rity of per­son and every human should be free from tor­ture and cruel, inhu­man or degra­ding tre­at­ment or punish­ment. Tra­gi­cally, this gua­ran­tee of basic human rights does not exist for GLBT indi­vi­du­als in cer­tain regi­ons of the globe. […] As we have seen in recent weeks, the bar­ba­rous punish­ments for sexual acts in these coun­tries run con­trary to the let­ter and the spi­rit of the Uni­ver­sal Decla­ra­tion of Human Rights. For that rea­son, these acts must be condemned.

Es han­delt sich um eine Auf­for­de­rung an die ame­ri­ka­ni­sche Außen­mi­nis­te­rin Con­do­leezza Rice, die Hin­rich­tun­gen durch das Mullah-Regime öffent­lich zu ver­ur­tei­len. Las­sen wir ein­mal die klein­li­che Betrach­tung der Gesetze bei­seite, die Matthew Limon für 17 Jahre hin­ter Git­ter gebracht haben — ein Fall, für den sich die Human Rights Cam­paign nie son­der­lich inter­es­siert hat —, so bleibt doch erstaun­lich, was den Men­schen­rech­ten hier alles zuge­traut wird. So sol­len sie etwa den Maß­stab lie­fern, um die in zahl­rei­chen Län­dern ver­häng­ten Todes– und Gefäng­nis­stra­fen für gleich­ge­schlecht­li­chen Sex zu skan­da­li­sie­ren. Selt­sam daran ist nur, dass die All­ge­meine Erklä­rung der Men­schen­rechte aus dem Jahr 1948 von Natio­nen erlas­sen wurde, die damals homo­se­xu­elle Hand­lun­gen fast alle auf die eine oder andere Weise ver­folgt haben. Genau genom­men fällt die Dekla­ra­tion sogar in eine Zeit, als diese Ver­fol­gung sich in den west­li­chen Indus­trie­staa­ten gerade anschickte, ihren his­to­ri­schen Höhe­punkt zu erreichen.

Etwas merk­wür­dig ist diese Sicht­weise aber auch des­halb, weil "das Recht auf Leben, Frei­heit und Sicher­heit der Per­son" bis­her noch nie­man­den dazu ver­an­lasst hat, das Ein­sper­ren und Hin­rich­ten von Geset­zes­über­tre­tern für eine Ver­let­zung der Men­schen­rechte zu hal­ten. Gefor­dert wird dort ja auch nur: "Jeder hat bei der Fest­stel­lung sei­ner Rechte und Pflich­ten sowie bei einer gegen ihn erho­be­nen straf­recht­li­chen Beschul­di­gung in vol­ler Gleich­heit Anspruch auf ein gerech­tes und öffent­li­ches Ver­fah­ren vor einem unab­hän­gi­gen und unpar­tei­ischen Gericht." (Art. 9). Gesetzt den Fall, dies wäre im Iran gesche­hen, so wäre auf der Basis der Men­schen­rechte an der Exe­ku­tion zweier Jugend­li­cher, die mit­ein­an­der Sex hat­ten, gar nichts aus­zu­set­zen. Das ist die ganze Wahr­heit über die Erklä­rung von 1948, denn ein "Recht auf ein­ver­ständ­li­chen Sex" ist dort weit und breit nicht zu finden.

Ja schlim­mer noch pos­tu­liert Art. 16 Abs. 3:

Die Fami­lie ist die natür­li­che Grund­ein­heit der Gesell­schaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesell­schaft und Staat.

Und genau die­ser Schutz­an­spruch der bür­ger­li­chen Keim­zelle war die Ideo­lo­gie, mit der die Bestra­fung homo­se­xu­el­ler Hand­lun­gen sei­ner­zeit gerecht­fer­tigt wurde. Das ist also der "Geist" der Men­schen­rechte und zeigt doch recht deut­lich, dass sie das Lob der Human Rights Cam­paign gar nicht ver­dient haben. Es ist auch bis in die 90er Jahre hin­ein nie­mand auf die Idee gekom­men, die anti­ho­mo­se­xu­el­len Straf­ge­setze anhand der UNO-Deklaration von 1948 kri­ti­sie­ren zu wol­len. Das ist komi­scher­weise erst der Fall, seit­dem sie in fast allen Indus­trie­län­dern (so z.B. 1994 in Deutsch­land und 2001 in Eng­land) aus den Gesetz­bü­chern gestri­chen wur­den. Seit­dem gilt die Straf­frei­heit ein­ver­ständ­li­cher Sexua­li­tät allen Erns­tes für eine For­de­rung — wenn nicht gar für das Ver­dienst! — der uni­ver­sel­len Men­schen­rechte. Nur eben ganz zu unrecht, wie sich zeigt.

The Politics of Hysteria

Man­che schei­nen sich den Tod von Schwu­len so sehr her­bei­zu­wün­schen, dass sie sich die Nach­richt dazu gleich sel­ber aus­den­ken, wie z.B. Tzach, der unter dem per­fi­den, weil auf die Anwe­sen­heit von "Frem­den" umge­münz­ten Titel "Der Haupt­feind steht im eig'nen Land" fol­gende Falsch­mel­dung verbreitet:

Isla­mis­ter­ro­ris­ten [sic!] bedro­hen Schwule mit Bom­ben

Dabei ver­linkt er auf eine Pres­se­er­klä­rung von OutRage!, einer Schwu­len­gruppe, die nicht nur für ihre unse­riö­sen, hys­te­ri­schen und manch­mal sogar über Lei­chen gehen­den* PR-Aktionen, son­dern auch für ihren merk­wür­di­gen Per­so­nen­kult um den ex-linken Homo-Aktivisten Peter Tat­chell bekannt ist. Wie üblich, ist sich OutRage! nicht zu schade, die Ter­ror­akte in Lon­don zu miss­brau­chen, um sich mal wie­der sel­ber in den Mit­tel­punkt zu stel­len. Und so ergeht sich Anfüh­rer Peter Tat­chell in wüs­ten Spe­ku­la­tio­nen über die angeb­li­che Gefahr, die der gay com­mu­nity in Eng­land jetzt durch isla­mi­sche Fun­da­men­ta­lis­ten drohe:

"Gay venues could be bom­bed by Isla­mic ter­ro­rists. All gay bars and clubs should intro­duce bag and body sear­ches. Mus­lim fun­da­men­ta­lists have a vio­lent hat­red of les­bi­ans and gay men. They believe we should be kil­led. Our com­mu­nity could be their next tar­get. This is no time for complacency."

Abhilfe soll die flä­chen­de­ckende Instal­la­tion von Über­wa­chungs­ka­me­ras sowie die Ein­füh­rung von Lei­bes­vi­si­ta­tio­nen an sämt­li­chen schwu­len Orten schaffen:

"All gay venues throug­hout the coun­try should install CCTV and search ever­yone who enters."

Mit einem Wort: Tat­chell führt sich auf, als wär er Scot­land Yard per­sön­lich und könnte offi­zi­elle "Ter­ror­war­nun­gen" aus­spre­chen. Eine reale Bom­ben­dro­hung liegt dem nicht zugrunde, nur eine von jenen hate calls, die er regel­mä­ßig über Handy erhält:

The thre­ats have been repor­ted to the police. Offi­cers have iden­ti­fied the phone num­ber but have been unable to trace the owner, as it is a pay-as-you-go mobile phone.

Andere schaf­fen sich eine Pri­vat­num­mer an, um sich vor Stal­kern zu schüt­zen — Tat­chell dage­gen war­tet nur dar­auf, sich bei pas­sen­der Gele­gen­heit (hier: die Ter­ror­an­schläge in Lon­don) durch Ver­weis auf sol­che Anrufe wie­der ins Gespräch zu brin­gen und mit der Angst der Leute Poli­tik zu machen. Und es ist kein Wun­der, dass Men­schen, die der Spra­che nicht ganz mäch­tig sind — neben Bild­zei­tungs–Redak­teu­ren auch so man­cher liber­täre Blog­ger —, den Kon­junk­tiv vor Tat­chells gan­zem Dünn­pfiff ein­fach übersehen.

Also, Tzach: es gibt sie nicht, die Bom­ben­dro­hung isla­mis­ti­scher Ter­ro­ris­ten gegen eng­li­sche Schwule! Das ist bloß Teil einer Hys­te­rie, die von Tat­chell geschürt wird, weil er meint, damit seine poli­ti­schen Inter­es­sen bes­ser durch­set­zen zu kön­nen. Und ein ganz ähnli­ches Motiv steckt dahin­ter, wenn eine Pres­se­er­klä­rung, die allen Erns­tes für die Hor­ror­vi­sion einer tota­len Über­wa­chung schwu­ler Clubs und Bars wirbt, unter dei­nen libe­ra­len Kol­le­gen so begie­rig wei­ter­ge­reicht wird. Ja man­chem scheint bereits der bloße Gedan­ken an die Wör­ter "Sicher­heit" und "Poli­zei" zu genü­gen, dass es aus ihm nur so her­aus­spritzt.

 
* Siehe hierzu Wiki­pe­dia: "Some activi­ties of OutRage! have been highly con­tro­ver­sial. It unvei­led pla­cards naming 10 Church of Eng­land Bishops as gay in 1994. Shortly after it wrote to twenty-five Mem­bers of Par­lia­ment urging them to publi­cly reveal their homo­se­xua­lity in 1995, one of those in rece­ipt of the let­ter died of a sud­den heart attack. Tat­chell was [the­re­fore] denoun­ced as a 'homo­se­xual ter­ro­rist' by the Daily Mail."

Kritik und Selbstkritik

Coole Buch­zu­sam­men­fas­sung, die bes­se­re­zei­ten da in sei­nem Blog ver­öf­fent­licht hat. Auszüge:

Die Auto­rin argu­men­tiert auf der Grund­lage der von Edward Said ent­wor­fe­nen Kri­tik des Ori­en­ta­lis­mus als eines domi­nan­ten west­li­chen Dis­kur­ses, der den Ori­ent als infe­rio­ren Gegen­ent­wurf zum Abend­land kon­stru­iert und ihn mit ähnli­chen Attri­bu­ten belegt, die für eine patri­ar­cha­li­sche Sicht­weise auf Frauen gel­ten. An Said kri­ti­siert sie aller­dings dass er mit sei­ner Kri­tik der Aneig­nung des Ori­ents durch den Wes­ten im patri­ar­cha­li­schen Dis­kurs ver­haf­tet bleibe indem er ihn als eine Ermäch­ti­gung des männ­lich kon­no­tier­ten Wes­tens beschreibt und den west­li­chen Frauen dabei keine bzw. eine pas­sive Rolle zukom­men lasse.
Dage­gen stellt sie ihren Ansatz, dass der euro­päi­sche Zugang zum Ori­ent kein ein­heit­li­cher gewe­sen sei und sich par­al­lel zum domi­nan­ten ori­en­ta­lis­ti­schen Dis­kurs eine alter­na­tive Sicht­weise auf den Ori­ent ent­wi­ckelt habe die aus den Schrif­ten von weib­li­chen Rei­sen­den her­aus­zu­le­sen sei.
Diese Sicht­weise zeichne sich dadurch aus, dass sich aus der Kon­fron­ta­tion euro­päi­scher Frauen mit ori­en­ta­li­schen kul­tu­rel­len Prak­ti­ken wie z.B. Poly­ga­mie und Segre­ga­tion ein Ver­gleich mit den kul­tu­rel­len Prak­ti­ken des patri­ar­cha­li­schen Abend­lands ent­wi­ckele, der eher zu Selbst­kri­tik und weib­li­cher Soli­da­ri­tät führe als zu einer Wahr­neh­mung selbst­ge­fäl­li­ger Über­le­gen­heit.
Somit beschreibt sie das Rei­sen euro­päi­scher Frauen als mög­li­chen eman­zi­pa­to­ri­schen Akt.

[…]

Eine spe­zi­fi­sche Form der Rei­se­li­te­ra­tur ist harem lite­ra­ture. Harem­li­te­ra­tur beschäf­tigt sich mit den pri­va­ten Lebens­be­din­gun­gen mus­li­mi­scher Frauen und wurde haupt­säch­lich von Rei­sen­den geschrie­ben, auch wenn die Beschrei­bung der Reise nicht im Vor­der­grund stand. Mel­man bezeich­net Harem­li­te­ra­tur als „most serious chal­lenge to Ori­en­ta­list and patri­ar­chal aut­ho­rity“ weil sie in der weib­li­chen Reprä­sen­ta­tion des kul­tu­rell Ande­ren eine Sym­pa­thie oder soli­da­ri­sche Ver­bun­den­heit mit den Reprä­sen­tier­ten erken­nen lasse. Von Frauen ver­fasste Harem­li­te­ra­tur zeige eine bemer­kens­werte Wider­stän­dig­keit gegen die essen­tia­lis­ti­schen Zuschrei­bun­gen einer angeb­lich beson­ders libi­di­nö­sen Orientalin.

Weib­li­che Rei­se­be­richte und Harem­li­te­ra­tur ent­wi­ckel­ten sich par­al­lel zum Höhe­punkt der dis­kur­si­ven Kon­struk­tion von bür­ger­li­cher Öffent­lich­keit und Pri­vat­sphäre und der Tren­nung von männ­lich und weib­lich kon­no­tier­ten Sphä­ren des Lebens und Han­delns im Wes­ten. Zugleich war Harem­li­te­ra­tur damit ein sub­ver­si­ves Poten­zial ein­ge­schrie­ben, indem es im Ver­gleich ori­en­ta­li­scher und west­li­cher Lebens­wei­sen die Kri­tik auf die west­li­chen Vor­stel­lun­gen von Häus­lich­keit und Weib­lich­keit, mit­hin auf das west­li­che Patri­ar­chat zurück­fal­len ließ.

[…]

An Lady Mary Wort­ley Mon­tagu wurde kri­ti­siert, dass sie sich aus­schließ­lich der Betrach­tung der Gebräu­che der Ober­schicht zuwandte. Andere Rei­sende betrach­te­ten auch ökono­misch weni­ger pri­vi­le­gierte Schich­ten im ara­bi­schen Hin­ter­land und stell­ten außer­or­dent­li­che Frei­hei­ten für Frauen fest, die sie ins Ver­hält­nis zu den Frei­hei­ten eng­li­scher Frauen sowohl der Ober– als auch der Unter­schicht setz­ten. Seit den 1850ern lässt sich eine Ten­denz des Inter­es­ses hin zu den Unter­schich­ten der ori­en­ta­li­schen Bevöl­ke­rung fest­stel­len, die sich zeit­gleich zum eng­li­schen Dis­kurs über die hei­mi­sche Arbei­ter­klasse ent­wi­ckelte. Dabei bemerk­ten die Rei­sen­den eine inverse rela­ti­onship von Klasse und sozia­ler Stel­lung der ori­en­ta­li­schen Frau: je weni­ger eine Fami­lie ökono­misch pri­vi­le­giert war, desto höher war die soziale Stel­lung der Frau in der Fami­lie und desto mehr Frei­hei­ten genoss sie. Eine Lucie Duff-Gordon (S. 105) beschrieb 1869, dass Ehe­män­ner aus der Unter­klasse der fal­la­hin ihren Frauen mehr Rechte ein­räum­ten als bri­ti­sche Ehe­män­ner jeg­li­cher Klasse. Andere Rei­sende zei­gen sich von einem femi­nis­ti­schen Stand­punkt her posi­tiv erstaunt über die Leich­tig­keit mit der eine mus­li­mi­sche Ehe geschie­den wer­den könne und die ökono­mi­schen Absi­che­run­gen für Frauen die damit ein­her gin­gen im Ver­gleich zu den schwe­ren ökono­mi­schen und sozia­len Fol­gen die eine Schei­dung im vik­to­ria­ni­schen Eng­land für die Frau haben konnte.

Bil­lie Mel­man: Women’s Ori­ents. English Women and the Middle East, 1718–1918. Lon­don 1992.

Klaus Theweleit revisited

Im Kon­text der zuneh­men­den Reha­bi­li­tie­rung von Wil­helm Reichs These eines "inne­ren Zusam­men­hangs" zwi­schen Homo­se­xua­li­tät und Faschis­mus in der post­an­ti­deut­schen Lin­ken fand ich es ganz inter­es­sant, mir noch­mal Klaus The­we­leit anzu­schauen. The­we­leit wird des Öfte­ren in die Rezep­ti­ons­li­nie die­ser These gestellt, die sich bei tra­di­tio­nel­len Mar­xis­ten wie Bert Brecht und Maxim Gorki ebenso gro­ßer Beliebt­heit erfreute wie bei den kri­ti­schen Theo­re­ti­kern Erich Fromm und Theo­dor W. Adorno. Nach­dem die­ser Topos in der Exil-Linken als Medium der Anti-Nazi-Propaganda popu­la­ri­siert wor­den war (so sehr, dass Klaus Mann sich gar zu der War­nung genö­tigt sah, man sei "im Begriff, aus 'dem Homo­se­xu­el­len' den Sün­den­bock zu machen — etwa 'den Juden' der Anti­fa­schis­ten"), geriet die These nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs zunächst für län­gere Zeit in Ver­ges­sen­heit. Doch sie erlebte mit der Wie­der­ent­de­ckung Reichs durch die "Neue Linke" in den Jah­ren nach 1968 eine erstaun­li­che Renais­sance. So schreibt Ste­fan Micheler:

Das Dogma der "natür­li­chen" Hete­ro­se­xua­li­tät in Anleh­nung an Wil­helm Reich und über­kom­mene Sexua­lideo­lo­gien sowie die eigene Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät wur­den also von der Mehr­heit der Ange­hö­ri­gen der Stu­die­ren­den­be­we­gung nicht hin­ter­fragt, son­dern unkri­tisch über­nom­men. So nach­hal­tig, dass es immer wie­der auf­ge­grif­fen wurde und man diese Theo­rie heute noch z.B. beim "Guru" lin­ker Männerbild-Theorie, Klaus The­we­leit, findet.

Etwas unfair ist die Beschul­di­gung The­we­leits schon, denn wie sehr sein Buch Män­ner­phan­ta­sien auch um diese These krei­sen mag, er ver­sucht ihr doch zugleich auch zu entkommen:

Dar­aus kann man ablei­ten, daß jeder Mann hier, der die Män­ner­ge­sell­schaft ablehnt, homo­se­xu­el­ler ist als ihre treu­es­ten Anhän­ger, eben weil er wahr­schein­lich über­haupt sexu­el­ler ist.
Auf die­sem Hin­ter­grund von 'laten­ter' Homo­se­xua­li­tät zu spre­chen, erscheint mir als irreführend.

(Bd. 2, S. 330)

Gegen Reich, Adorno und Brecht holt er sogar zu einem gut plat­zier­ten Gegen­schlag aus:

Homo­se­xua­li­tät also? Das Stich­wort scheint fäl­lig — aber bringt es wei­ter? Homo­se­xua­li­tät, vor allem die 'latente', die über erheb­li­che Men­gen gestau­ter Trie­be­ner­gie ver­fügt, die auf aggres­sive Ent­la­dun­gen drängt, ist von man­chen Auto­ren als wesent­li­cher Bestand­teil der Aggres­si­ons­lust des sol­da­ti­schen Man­nes genannt wor­den. Wil­helm Reich etwa schrieb:

Man konn­ten nun wäh­rend des Krie­ges die Beob­ach­tung machen, daß die­je­ni­gen, wel­che starke hete­ro­se­xu­elle Bin­dun­gen oder voll­wer­tige Sub­li­mie­run­gen auf­wie­sen, den Krieg ablehn­ten; dage­gen waren die­je­ni­gen die bru­tals­ten Drauf­gän­ger, die das Weib als Klo­sett betrach­te­ten und latent oder mani­fest homo­se­xu­ell waren.

[…]

Die Vor­stel­lun­gen über Homo­se­xua­li­tät sind so dif­fus und von Abwehr bestimmt (und zwar auch unter den Ana­ly­ti­kern selbst), daß man davon aus­ge­hen muß, der Begriff Homo­se­xua­li­tät löse alles andere eher, denn ein Ver­ständ­nis aus: eine Reihe von Vor­ur­tei­len, fal­schen Vor­stel­lun­gen und eige­ner Abwehr setzt sich in Bewe­gung, um bei der krampf­haf­ten Sicher­heit anzu­kom­men, daß Homo­se­xu­elle auf jeden Fall erst mal die ande­ren seien: Fremde, oder sogar Feinde, die einem selbst ganz und gar nicht glei­chen, die man ding­fest machen kann in einem Begriff wie dem des tough guy etwa, den Adorno vor Augen hatte, als er sei­nen Apho­ris­men die Behaup­tung zufügte: "Tota­li­tät und Homo­se­xua­li­tät gehö­ren zusam­men." Im Zusam­men­hang der Ador­no­schen Wert­vor­stel­lun­gen kommt die­ser Satz einer Ver­nich­tung des­sen gleich, den diese tota­li­täre Krank­heit befal­len hat. Inter­es­sant wird die­ser Vor­wurf erst dadurch, daß Adorno den angeb­li­chen Haß des tough guys gegen die "Eff­emi­nier­ten" mit der aus­ge­spro­chen män­ner­bünd­le­ri­schen Replik bedenkt, daß "am Ende" die tough guys selbst "die eigent­lich Eff­emi­nier­ten" seien. Han­delt es sich also um einen Streit unter Män­nern, wer der 'eigent­li­che Mann' sei? Ist die denk­bare Schande die, eff­emi­niert zu sein?
Oder neh­men wir den Mann Brecht, der in sei­nem Arbeits­jour­nal am 27. 5. 42 ver­merkt hat:

sitze nach­mit­tags für eine stunde mit feucht­wan­ger in sei­nem schö­nen gar­ten. er erzählt, sie haben jetzt hor­mo­nin­jek­tio­nen in der armee, wel­che homo­se­xua­li­tät rest­los ent­fer­nen (aller­dings alle paar monate erneu­ert wer­den müs­sen). so macht jetzt auch den homo­se­xu­el­len die armee kei­nen spaß mehr.

Als Leute, denen die Armee aus freien Stü­cken Spaß macht, fal­len die Homo­se­xu­el­len auch hier unter die Feinde (wer­den aber eigen­ar­ti­ger­weise auch von der Armee nicht gemocht?) Und Brecht selbst? Er, der so zurück­hal­tend mit Bemer­kun­gen war, die etwas von sei­nen Gefüh­len den Men­schen gegen­über, mit denen er eng zusam­men­lebte, ver­ra­ten hät­ten kön­nen, nennt eben jenen Lion Feucht­wan­ger, in des­sen Gar­ten sit­zend er sich so gern über schwie­rige Fra­gen der Kunst und der Poli­tik unter­hielt in der viel­leicht offens­ten Notiz sei­nes Jour­nals einen "wirk­li­chen Freund".
Der Ver­drän­gungs­ap­pa­rat des Feuchtwanger-Freundes Brecht funk­tio­niert nicht schlecht, wenn er ohne Wider­spruch die Mög­lich­keit akzep­tie­ren kann, daß Homo­se­xua­li­tät durch einen sol­chen Ein­griff "rest­los" zu besei­ti­gen wäre.
Hal­ten wir fest: diese Anti-Homosexuellen haben in ihrer Hal­tung zumin­dest etwas sehr Män­ner­tü­meln­des. Aus­ge­drückt wird das mit einer Selbst­si­cher­heit, die deut­lich die Dif­fe­renz betont und in der so etwas wie eine Befrie­di­gung mit­schwingt, daß man selbst über dezen­tere, 'männ­li­chere' Mit­tel ver­füge, als jene Schreck­li­chen, die gegen ihre per­ver­sen Lüste Sprit­zen brau­chen, wo man selbst doch mit einem klu­gen mate­ria­lis­ti­schen Gespräch über die Schwie­rig­kei­ten beim Schrei­ben der Wahr­heit aus­kommt oder mit den freu­di­gen Erschüt­te­run­gen, die die Nie­der­kunft eines mäch­ti­gen Apho­ris­mus begleiten.

(Bd. 1, S. 61 ff.)

Doch am Ende bleibt The­we­leit sel­ber in die­ser These gefan­gen, wenn er auch "die Dis­po­si­tion zur Män­ner­liebe" als "das all­ge­meinste kol­lek­tive Trieb­schick­sal" bestimmt, wel­ches "bei uns (sic!) kei­ner beson­de­ren psy­chi­schen Dis­po­si­tion des ein­zel­nen" bedürfe (Bd. 2, S. 330), weil die Ent­wer­tung des 'Weib­li­chen' in die­ser Gell­schaft uni­ver­sal sei:

An den Frauen hängt in der männ­lich domi­nier­ten Gesell­schaft viel zuwe­nig 'Welt', als daß sie mit 'erfah­re­nen' Män­nern kon­kur­rie­ren könn­ten. Schon des­halb erschei­nen sie als viel weni­ger lie­bens­wert. Der Traum vom Hel­den­le­ben, von Stärke, Auf­stieg und Glanz, Esprit und Jagd, von der Weite, die zu erobern, vom Gip­fel, der zu erklim­men ist, von der strah­len­den Schön­heit des 'freien Män­ner­hel­den', dem dies gelingt — wie sollte er sich an Frauen haf­ten kön­nen, an die pri­va­ten, ein­ge­schlos­se­nen Wesen, die mit dem Schmutz des All­täg­li­chen in Bezie­hung ste­hen, nicht aber mit den Taten der Gro­ßen, die den Welt­lauf bestimmen.

(Bd 2, S. 328)

The­we­leit schafft es nicht, aus den Wider­sprü­chen aus­zu­bre­chen, die er einen nach dem ande­ren vor sich auf­häuft. So schreibt er in einer Fußnote:

Um es noch ein­mal zu beto­nen: Der Ter­ror kommt nicht aus der Homo­se­xua­li­tät; aber Män­ner­bünde nei­gen zur Aus­bil­dung 'homo­se­xu­el­ler' Prak­ti­ken, die, sel­ber aggres­si­ver Art, zum Umklap­pen in jede andere Form der Aggres­si­vi­tät fähig sind. Das gilt aber für ihre 'hete­ro­se­xu­el­len' Prak­ti­ken im Prin­zip auch.

(Bd. 2, S. 332)

Also was jetzt? Wenn "Homo­se­xua­li­tät" gar nicht der Grund ist, aus dem sich die Aggres­si­vi­tät des faschis­ti­schen Rackets erklä­ren lässt; wenn des­sen "hete­ro­se­xu­elle" Prak­ti­ken des glei­chen Wesens sind: was sollte dann der ganze Aus­flug überhaupt?

Der Grund für The­we­leits Irr­tü­mer ist schnell erklärt: es ist sein Hang zur Psy­cho­lo­gi­sie­rung des Faschis­mus. Die Frei­corps, die er zum Aus­gangs­punkt sei­ner Unter­su­chung macht, basier­ten nicht auf "unbe­wusst ero­ti­schen" Phä­no­me­nen, son­dern wur­den ganz schlicht durch eine Ideo­lo­gie zusam­men­ge­hal­ten, die zu ana­ly­sie­ren sich sein Buch kon­se­quent wei­gert. Dabei hatte Klaus Mann bereits 1934 alles Nötige dazu geschrieben:

Das 'Bün­di­sche', sagt man, habe stets homo­ero­ti­schen Cha­rak­ter, und auf dem 'bün­di­schen' Prin­zip basiere der Faschis­mus. Las­sen wir das Pro­blem bei­seite, bis zu wel­chem Grade der wirk­lich Inver­tierte immer dem 'Bün­di­schen' zuneigt — er ist oft ein­sam­keits­süch­tig und scheu, man hat ihm einen aso­zia­len Cha­rak­ter vor­ge­wor­fen. Sogar aber vor­aus­ge­setzt, alle Inver­tier­ten such­ten den Män­ner­bund und der Män­ner­bund habe stets die inver­tierte Note: wor­auf es ankommt, ist nur der Geist, in dem der Bund geschlos­sen wurde, nicht der ero­ti­sche Kitt, durch den er zusammenhält.

The­we­leit dage­gen ver­blieb mit sei­nen Män­ner­phan­ta­sien kon­se­quent im Bann­kreis der anti­au­to­ri­tä­ren Bewe­gung, die allen Erns­tes glaubte, das Kern­pro­blem läge in einer patri­ar­cha­len Erzie­hung. Umso weni­ger ver­wun­dert es, dass die 68er im Zuge ihres all­mäh­li­chen Rechts­rucks nur einen neuen Typus des Faschis­ten her­vor­ge­bracht haben: Figu­ren wie Rai­ner Lang­hans, die zwar von "Män­ner­tü­me­lei" nichts wis­sen wol­len, rechts­ex­treme Ideo­lo­giebruch­stü­cke aber umso zeit­ge­mä­ßer unter die Leute bringen.

Mehr noch aber gelang es den 68ern, jede For­schung über die Mit­tä­ter­schaft von Frauen an der Rea­li­sie­rung des deut­schen Mord­pro­gramms 20 Jahre lang mit dem ver­lo­ge­nen Hin­weis abzu­wür­gen, dass die Frauen doch die eigent­li­chen Opfer des deut­schen Faschis­mus gewe­sen seien (denn über die Juden, die als ein­zige qua Kol­lek­tiv ver­folgt wor­den waren, spra­chen die 68er höchst ungern). Es war dann schließ­lich die femi­nis­ti­sche Frau­en­for­schung selbst, die in den 90er Jah­ren den Mythos von den deut­schen Frauen als Opfern des Natio­nal­so­zia­lis­mus ein für alle­mal begra­ben hat.


Abon­niere meine Blog-Updates über RSS, Twit­ter oder Facebook:


RSS Twitter Facebook

Möhrchen?


Zeig mir, wenn du mei­nen Blog magst! :)

Buchtipp

Die Vertreibung aus dem Serail

On Tour/Vorschau

    There are no events.

Blogsport Diskussionen

Blogsport twittert...

Aktuelle Referrer